Politik : Bund zahlt für 10 000 Ganztagsschulen

Regierung stellt vier Milliarden Euro bereit / Bildungsministerin Bulmahn: Kinder müssen individueller gefördert werden

Bärbel Schubert

Berlin. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat den Startschuss für ein Ganztagsschulprogramm gegeben. Damit soll fast jede dritte Grund- und Sekundarschule zur Ganztagseinrichtung werden. Für den Ausbau der rund 10 000 Schulen stellt der Bund vier Milliarden Euro bereit. „Damit wollen wir eine konsequente Bildungsreform in Deutschland anstoßen“, sagte Bulmahn am Montag bei der Vorstellung des Programms. „Pisa hat gezeigt, dass wir neue pädagogische Konzepte und mehr individuelle Förderung für die Kinder brauchen.“

Eine entsprechende Verwaltungsvereinbarung hat das Bundesministerium den Bundesländern jetzt zugesandt. Die ersten 300 Millionen Euro für das Programm sind bereits im Bundesetat 2003 eingeplant. In den kommenden drei Jahren steht je eine Milliarde bereit.

Damit beendet der Bund ein monatelanges Tauziehen mit den Ländern, die jetzt weitgehend freie Hand bei der Verwendung der Gelder haben. Sie genehmigen auch die pädagogischen Konzepte der Schulen. Von dem Bundesgeld können – wie gesetzlich vorgegeben – Investitionen wie neue Computer, Bibliotheken, Küchen und Ähnliches finanziert werden. Zehn Prozent dieser Kosten sollen die Länder selbst zahlen. Zusätzliche Lehrer fallen ohnehin in ihre Zuständigkeit.

Der Bund will die pädagogische Umsetzung durch freiwillige Angebote begleiten, etwa durch Beratung per Internet und eine Kampagne mit guten Beispielen.

An den Ganztagsschulen soll aber nicht einfach mehr unterrichtet werden. Der Unterricht muss nach Bulmahns Worten vom 45-Minutentakt wegkommen, hin zu mehr Projekten und freiem Lernen. Die zusätzliche Zeit in der Schule soll besonders zur individuellen Förderung der Kinder genutzt werden. Dabei hatte die Schuluntersuchung Pisa eklatante Mängel an den deutschen Schulen nachgewiesen.

Um die längere tägliche Schulzeit und die pädagogische Betreuung auf Dauer finanzierbar zu machen, forderte Bulmahn Länder und Kommunen zum Umdenken auf. Mehr Zusammenarbeit mit Kindergärten, Horten, Sportvereinen, Kultureinrichtungen und der Jugendhilfe, aber auch mit Betrieben, soll üblich werden. Die Kooperation von Schulen und Horten ist auf Drängen der ostdeutschen Länder bereits in das Bundesprogramm aufgenommen worden. Dort sind Nachmittagshorte sehr verbreitet.

Mit der Initiative soll Deutschland endlich auch den Anschluss an andere Industriestaaten schaffen. In Ländern wie Frankreich, Belgien oder Schweden sind Ganztagsschulen längst die Regel. In Deutschland dagegen gingen im vergangenen Jahr nur 7,6 Prozent der Schüler bis zur zehnten Klasse ganztags zur Schule. Bei den Grundschülern sind es sogar nur 2,2 Prozent. Vorreiter beim Ausbau der Ganztagsschulen ist Rheinland-Pfalz.

Die Bundesförderung wird nach Schülerzahl auf die Bundesländer verteilt. Entsprechend erhält Nordrhein-Westfalen gut 914 Millionen Euro und Bayern knapp 596 Millionen. Sollten eines oder mehrere Bundesländer nicht unterzeichnen, kann das für diese vorgesehene Geld den anderen zugute kommen. Das Programm würde dadurch nicht blockiert. Die rheinland-pfälzische Schulministerin Doris Ahnen (SPD) begrüßte die Initiative als „willkommene Unterstützung“. Für viele Defizite biete die Ganztagsschule eine Lösung.

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