Politik : Bundesbarometer

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der hat das gewusst. Der muss es gewusst haben. Vielleicht nicht so richtig gewusst, mit dem Kopf. Aber sagen nicht alle, die ihn besser kennen, der macht alles aus dem Bauch heraus? Gespürt hat er es, garantiert. So leichthin, wie der sich damals entschieden hat. Und wir haben ihn dafür auch noch bedauert, Ahnungslose, die wir sind! Sie können uns, liebe Leser, nicht folgen? Also, dann folgen Sie uns doch bitte ins Grüne. Oder besser in das, was früher mal das Grüne war. Dürr und braun liegt das Gras. Alles Gepflanz, dessen Wurzeln flach unter der steinharten Erde kriechen, hat sich ächzend niedergelegt. Die Pfefferminze schickt ihre Ableger oberirdisch aus. Nur Löwenzahn und Sauerampfer, Pfahlwurzler von großem Bohrvermögen, stehen im Saft – sie spüren die letzten Wasserreserven in der Tiefe auf. Auch die Distel behauptet sich. Die Kirschbäume indes spielen schon Herbst. Wo aber Nadelbäume stehen, weht ein Duft von warmem Harz durch die milde Abendluft. Scharen von Grillen zirpen. Wir holen einen leichten Weißwein aus dem Kühlschrank. Jetzt noch eine alte Schallplatte – wo war die noch gleich – da hinten in der Ecke, genau die, Conny Froboess: „Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli . . .“ Oder von Rimini. Na, merken Sie was? Der hat das vorhergesehen, alles, die Hitze und die Dürre und die Vermittelmeerisierung der norddeutschen Tiefebene. Deshalb hat er sich gesagt: Bleib’ daheim in Hannover, in zwei Wochen sieht dein Garten eh aus wie die Macchia. Dieser Mann ist ein Prophet. Nur schade, dass sein Talent derart brachliegt. Was hilft uns ein Bundeskanzler mit dem siebten Sinn für Wetterwendungen? Der Mann muss Bundesbarometer werden! Robert Birnbaum

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