Politik : "Bundesbericht Forschung": Unternehmen Zukunft

Bärbel Schubert

Forschung und Entwicklung gelten der Politik dieser Jahre als Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum und einen prosperierenden Arbeitsmarkt. Dies gilt besonders für die rot-grüne Bundesregierung. Will sie sich doch daran messen lassen, inwieweit es ihr gelingt, neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Arbeitslosigkeit deutlich zu reduzieren. Am gestrigen Mittwoch hat das Kabinett in Berlin seinen ersten "Bundesbericht Forschung" verabschiedet. Wie traditionell üblich hat die zuständige Ministerin mit dieser Bestandsaufnahme eine deutliche Kursbestimmung ihrer Forschungspolitik verbunden.

Eine schwierige Situation bescheinigte der Bericht nach den Worten von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) der Forschung in Deutschland. "Deutschland hat den Anschluss an die Spitzengruppe der führenden Industrienationen der Welt in den 90er Jahren verloren", lastet die Ministerin der Vorgängerregierung aus CDU, CSU und FDP an und wirft ihr schwere Versäumnisse bei Investitionen und Strukturreformen vor. Schlüsseltechnologien, wie der IT-Bereich und die Biotechnologie hätten zu wenig Unterstützung bekommen. Der wissenschaftliche Nachwuchs sei vernachlässigt worden. "Das ist nicht ohne Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung geblieben."

Die USA und Japan haben dem Bericht zufolge zwischen 1989 und 1987 bei den Forschungsausgaben deutlich zugelegt: Japan von 482 US-Dollar auf 715 US-Dollar; die USA gar von 581 US-Dollar auf 794 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung. In Deutschland konstatiert der Bericht dagegen fast Stagnation. Die Forschungsausgaben pro Kopf stiegen in dieser Zeit von 488 auf 511 US-Dollar.

"Wir haben diesen Trend gestoppt", resümiert die Ministerin selbstbewusst, deutliche Etatprioritäten für Bildung und Forschung im Rücken und skizziert auch gleich die neuen Förderschwerpunkte in der Biotechnologie, der Genom- und Gesundheitsforschung, in der Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Verkehrsforschung. Die deutsche Forschung habe in den letzten zwei Jahren wieder Aufwind bekommen. Der Staat habe seine Aufwendungen für die Forschung gesteigert und "die Wirtschaft zieht mit".

Bulmahn kann auf stetig steigende öffentliche Forschungsaufwendungen verweisen. So stiegen die Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung von 84 Milliarden Mark 1997 auf 87 Milliarden Mark (1998) und nach dem Regierungswechsel auf 92 Milliarden Mark im vergangenen Jahr. Dabei sind die Aufwendungen von Wirtschaft und Staat berücksichtigt. Und auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt wird mit weiteren Steigerungen auch in diesem Jahr gerechnet, von 2,29 Prozent (1997), 2,31 Prozent (1998) auf 2,37 Prozent im vergangenen Jahr. Dies gilt als Schlüsselgröße für das wirtschaftliche Wachstum. Doch ob sich damit in absehbarer Zeit die Probleme mit der deutschen Forschung lösen lassen, bleibt fraglich.

Drei Wirtschaftszweige erbringen noch immer rund 90 Prozent der Forschungsausgaben im Inland: Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektrotechnik und die Chemische Industrie. Spitzenreiter ist dabei nach wie vor der deutsche Fahrzeugbau mit deutlichem Abstand vor allen anderen Bereichen (19,377 Milliarden Mark). Dabei entfällt nach wie vor der Löwenanteil der Forschungsinvestitionen auf Großunternehmen mit mehr als 10 000 Beschäftigten. Doch haben kleinere und mittlere Unternehmen aufgeholt und den Mittelzuwachs von insgesamt gut drei Milliarden Mark erbracht (Gesamt-Forschungsaufwendungen der Wirtschaft 1997 rund 47,62 Milliarden Mark). Auch ist der internationale Wettbewerbsdruck weiter gestiegen. Die hiesigen Unternehmen haben in den Kernbereichen der hiesigen Wirtschaft ihre Investitionen im Ausland erneut erhöht. Allein in den letzten Jahren haben die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen für technische Forschung und Entwicklung insgesamt von 5364 Millionen Mark (1996) kontinuierlich auf 6723 Millionen Mark (1998) zugenommen.

Den Streit um die richtige Interpretation des 550 Seiten-Werks hat Bulmahn beim letzten Mal vor vier Jahren noch als forschungspolitische Sprecherin der größten Oppositionsfraktion geführt. Den damals noch von Forschungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) formulierten Anspruch, ein Abwandern der deutschen Forschung ins Ausland zu verhindern, versucht nun Bulmahn durch attraktivere Bedingungen für die umworbenen Spitzenwissenschaftler umzusetzen. Was aus der umfangreichen Datensammlung jedoch nicht hervorgeht: Die Spitzenorganisationen der Wissenschaft beklagen seit Jahren, dass sie im Wettbewerb um die besten Köpfe zunehmend leer ausgehen. Als Grund dafür werden die Höhe der möglichen Gehälter, aber auch flexible Rahmenbedingungen etwa für deren Familien genannt.

Mit den Jahren bereitet auch eine deutsche Besonderheit Probleme: die Zuständdigkeiten für Grundlagenforschung und angewandte Forschung sind auf verschiedene Organisationen verteilt. Für die Grundlagenforschung ist die renommierte Max-Planck-Gesellschaft zuständig, für die angewandte Forschung die Fraunhofer Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft für die Forschung an Hochschulen. Darüber hinaus fördert der Bund noch aus den ersten Zeiten der Atomforschung die Großforschungseinrichtungen, die sich inzwischen anderen Bereichen wie etwa der Gesundheitsforschung zugewandt haben. Bund und Länder gemeinsam unterstützen die Institute der Blauen Liste, deren Gemeinsamkeit Forschungsgegenstände von "überregionaler Bedeutung" sind.

Die Zusammenarbeit zwischen diesen Organisationen will Bulmahn verbessern. Ein Anfang ist mit dem Zusammenschluss des GMD-Forschungszentrums für Informationstechnik und der Fraunhofer Gesellschaft gemacht, mit dem Europas größte Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet entstehen soll. Der Zusammenschluss soll zugleich eine Forschungseinrichtung von wettbewerbsfähiger Größe schaffen.

Die größte und zugleich unbekannteste deutsche Forschungseinrichtung, der Zusammenschluss der Helmholtz-Forschungszentren, soll sich künftig stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichten sowie an Forschung im öffentlichen Interesse. Die Finanzierung soll künftig stärker über Programme statt über eine feste, institutionengebundene Mittelzuweisung organisiert werden.

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