Bundesfreiwilligendienst : Tschüss Zivis, hallo Bufdis

Der neuer Bundesfreiwilligendienst läuft nur schleppend an. Die Opposition sieht Sozialeinrichtungen in Gefahr.

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Großer Bedarf. Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen sind auf Freiwillige angewiesen. Foto: Jörg Sarbach /dapd
Großer Bedarf. Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen sind auf Freiwillige angewiesen. Foto: Jörg Sarbach /dapdFoto: dapd

Berlin - Deutschlandweit startet an diesem Freitag der neue Bundesfreiwilligendienst (BFD) und ersetzt damit den Zivildienst. Mehr als 50 Jahre lang hatten sogenannte Zivis in sozialen Einrichtungen mit angepackt. Der Beschluss vom vergangenen Jahr, die allgemeine Wehrpflicht auszusetzen, führt nun zwangsläufig auch zum Ende des Zivildienstes. Momentan arbeiten noch 19 700 Wehrdienstverweigerer in sozialen Einrichtungen, zu Hochzeiten Ende der 90er Jahre waren es zeitweise mehr als 150 000.

Trotzdem wird es kurzfristig ohne die Zivis nicht gehen. 14 300 aus der letzten Generation haben sich entschieden, ihre Zivildienstzeit über den Sommer hinweg zu verlängern. Ohne sie sähe es schlecht aus. Der neue Freiwilligendienst läuft nämlich nur schleppend an. Seit Mitte Mai können sich Interessierte bewerben. Bislang sind rund 3000 Verträge unterzeichnet, wie das Bundesfamilienministerium mitteilte.

Nach Angaben des Amtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben standen im Monat Juni insgesamt 105 381 Plätze für Freiwillige zur Verfügung. Schon im kommenden Jahr sollen nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) 35 000 Freiwillige im Einsatz sein. Die Zielmarke deckt somit rund ein Drittel des Gesamtkontingents. Schröder hatte bereits vor Wochen eingeräumt, dass die Zivis nicht vollständig durch Freiwillige, die sogenannten Bufdis, ersetzt werden könnten. Trotzdem geht das Ministerium von einem reibungslosen Übergang zum Freiwilligendienst aus. Im Herbst wird mit einem Schub an Bewerbern gerechnet, wenn beispielsweise Abiturienten auf Studienplätze warten müssen. „Der neue Bundesfreiwilligendienst kommt bei den Menschen an“, sagte Hermann Kues, Parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium.

Die Opposition sieht die Lage dramatischer. „Das ist ein ganz klassischer Fehlstart“, sagte Sönke Rix, SPD-Obmann im Unterausschuss für bürgerschaftliches Engagement im Bundestag. Ohnehin sei der neue Freiwilligendienst nicht die adäquate Antwort. Es hätte vielmehr „richtiger Jobs“ bedurft, um den Zivildienst zu ersetzen, sagte Rix dem Tagesspiegel.

Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), hofft, dass der Dienst zumindest „mittelfristig zum Erfolg werden kann“. Langfristig möchte das DRK 6000 Freiwillige gewinnen. „Die haben wir noch nicht“, gab Seiters zu.

Auf Kritik stößt zudem, dass der neue Freiwilligendienst parallel zu etablierten Programmen wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) aufgebaut wurde. Diese sind Programme der Bundesländer, der BFD wird vom Bund finanziert. SPD-Experte Dix bemängelte die Doppelstrukturen. Das Problem sei aber auch, dass die jungen Leute den Unterschied nicht erkennen würden. DRK-Präsident Seiters betonte aber, dass die „sehr guten Erfahrungen aus dem FSJ in die Ausgestaltung des Bundesfreiwilligendiensts eingebracht werden konnten“.

Wie genau funktioniert der Freiwilligendienst? Prinzipiell kann sich jeder dafür melden, der seine Pflichtschulzeit absolviert hat. Das Angebot richtet sich also an Jung und Alt. Für Abiturienten dürfte interessant sein, dass die Freiwilligenzeit als Wartesemester angerechnet wird. In dem sozialen Netzwerk Facebook hat der Freiwilligendienst allerdings kaum mehr als 200 Fans. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des WDR ergab zudem, dass bislang erst 58 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 30 von dem Freiwilligendienst gehört haben. Ein Drittel kann sich der Umfrage zufolge vorstellen, sich ein Jahr lang freiwillig zu engagieren. Der zeitliche Rahmen kann frei zwischen sechs und 24 Monaten gewählt werden, mindestens jedoch 20 Stunden pro Woche.

Wer sich dafür entscheidet, erhält monatlich ein Taschengeld, das die Höhe von 330 Euro im Monat nicht überschreiten darf. Sozialversicherungsbeiträge für Renten-, Pflege und Krankenversicherung werden zusätzlich übernommen. Im September soll zudem ein Gesetz verabschiedet werden, wodurch das Kindergeld weitergezahlt werden würde, was bei FSJ und FÖJ bereits der Fall ist.

Angeboten werden Stellen vor allem von den Sozialverbänden, darunter das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Caritasverband, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Diakonie. Die Einsatzgebiete sind breit gefächert: von Altenpflege und Jugendarbeit über Zivil- und Katastrophenschutz bis hin zu Engagements in Kultur und Sport. Bewerbungen müssen direkt an die Stellen gerichtet werden.

Informationen im Internet: www.bundesfreiwilligendienst.de

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