Bundeskanzlerin : Wie stark ist Angela Merkel?

Das war eine der schwersten Wochen in der Amtszeit der Kanzlerin. Der Fall Guttenberg polarisierte Deutschland. Und er rührte an ihre Glaubwürdigkeit. Wie stark ist ihre Machtbasis noch?

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Der Fall Guttenberg hat auch die Kanzlerin in Schwierigkeiten gebracht.
Der Fall Guttenberg hat auch die Kanzlerin in Schwierigkeiten gebracht.Foto: dapd

Wie stark hat Merkels Ansehen unter der Guttenberg-Affäre gelitten, in der Bevölkerung und in der Union?

Bisher wenig. Nun ist der Fall aber auch gerade mal ein paar Tage her. Die CSU beginnt mit dem Übelnehmen erst. Grundsätzlich aber hat Angela Merkel eine Eigenschaft, wenn man es denn so nennen will, die mancher Politiker gerne hätte: An ihr perlen Affären ab. Polit-Teflon ist das, und wer so imprägniert ist, dem kann weniger passieren. Wohlgemerkt: nicht nichts, aber es dauert länger, bis es passiert.

Wenn man auf die Umfragen für die CDU in den vergangenen Jahren schaut, ist das allerdings für ihre Partei auch eher einerlei. Da kann die Kanzlerin die besten Werte haben, die größte Zustimmung von allen – die CDU profitiert nicht zwingend. Sonst hätte sie bei den zurückliegenden Wahlen im Bund anders von ihr an der Spitze profitiert. Das ist aber keine neue Entwicklung. Früher war Helmut Schmidt, als Beispiel, auch äußerst populär, 73 Prozent der befragten Westdeutschen hießen seine Amtsführung gut, aber der SPD hat es nicht geholfen. Sie hat 1982 doch gegen die Union mit dem erheblich weniger beliebten Kandidaten Helmut Kohl verloren.

Hat die Kanzlerin Defizite beim konservativen Werteverständnis?

Mal salopp gesagt: Beim Verständnis hat sie keine. Angela Merkel ist ja nun bekanntermaßen mit einem sehr schnellen, wachen Verstand gesegnet. Sie durchdringt darum auch immer die Materie, weiß dann, um was es im Kern geht. Sie kann es dann gut anwenden. Bei den Werten ist das nicht anders.

Allerdings sind die heute auch nicht mehr als schlicht konservativ zu beschreiben. Es wird ja doch längst unterschieden zwischen wertkonservativ und strukturkonservativ. Und diese Unterscheidung stammt vom SPD-Nachdenker Erhard Eppler. Wertkonservativ sind danach auch Grüne. Der Pfarrerssohn Rezzo Schlauch war es immer, Marianne Birthler ist es, ja sogar die vermeintliche Linke Claudia Roth. Und bei der SPD sind die auch zu finden. Franz Müntefering, ja, wenn der nicht wertkonservativ ist!

Strukturkonservativ ist Merkel nicht. Das sind die, für die jede nicht von den Zeitläufen erzwungene Änderung Teufelswerk ist. Die strikt am einmal Vereinbarten festhalten. Übrigens: Der alte Sowjetführer Leonid Breschnew war so, stellvertretend für alle Machthaber in totalitären Regimen.

Im ganz alten Sinne konservativ, sagen wir: ein bisschen miefig und deutschtümelnd, ist Merkel auch nicht. Sie ist nicht so erzogen, ihr Vater ist Pfarrer in der DDR gewesen und galt als staatsnah, mag sein zu Unrecht, ihre Mutter war nach der großen Wende in der SPD, ihr Bruder bei Bündnis 90 (aber nur, bis die sich mit den Grünen zusammentaten). Richtig konservative Einflüsterungen sehen anders aus. Klitzekleiner Einwand: Die Marktwirtschaft als Modell hatte es Angela Merkel so angetan, dass sie einmal – vor Jahren und vielleicht ein bisschen spielerisch – sagte, sie würde gerne Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung der Union. Und da sitzen Konservative. Aber so ist es dann ja nicht gekommen.

Wenn es, dies noch, um die Tugenden geht, auch Sekundärtugenden, und wenn die als konservativ gelten, dann ist sie konservativ. Nur am Rande: Am liebsten wäre ihr, Verschwiegenheit zählte dazu.

Nach den zahlreichen Abgängen von CDU-Spitzenleuten – wie stark ist die Machtbasis Merkels noch?

Sie anzugreifen, soll vor den verbleibenden sechs Landtagswahlen besser mal keiner ausprobieren. Es klingt unheimlich, aber jeder, der es bisher versucht hat, fällt inzwischen dem Vergessen anheim. Bald redet keiner mehr von Roland Koch. Ja, richtig, sie hat keine Hausmacht. Weder Brandenburg, wo sie groß geworden ist, noch Mecklenburg-Vorpommern, wo ihr Wahlkreis liegt, sind machtvolle Verbände – aber sie kann sich doch irgendwie gut vernetzen, so dass sie nicht so schnell fällt. Und sie kann gut den Eindruck fördern, als stünden viele, viele hinter ihr.

Was aufs Parteivolk gesehen stimmt. Regionalkonferenzen zeigen, dass die einfachen Mitglieder ihre ungekünstelte, leicht ironisch-trockene Art mögen, ihr verschmitztes Jungmädchenlächeln. Nebenbei gesagt: Wirklich frappierend ist, dass niemand so schnell so jung und im nächsten Augenblick ganz anders aussehen kann.

Bei den Funktionären, vor allem den höheren, ist das Urteil sehr gemischt. Mit jedem Mann mehr, der ihr aus der politischen Führung abhanden kommt, und sei es mitunter durch dessen eigene Schuld, wächst Merkels Nimbus. Der wächst sich sogar bald zum Mythos aus: Ihr kann keiner. Bloß sagt das Gesetz der Schwerkraft: Je größer das Gewicht, umso härter der Aufprall beim Fall.

Bisher hat Merkel oft nur zuschauen müssen, wie andere ihrer eigenen Schwerkraft folgend zerschellt sind. Davon, dass sie Fliehkräfte beschleunigen kann, reden viele lieber nicht – zu gefährlich, heißt es. Und die in ihrer Umgebung plaudern nicht, jedenfalls nicht aus dem Nähkästchen, denn siehe oben: Verschwiegenheit ist erste Merkel-Pflicht. Wehe, wenn doch etwas herausdringt … Manchmal klingen die geflüsterten Geschichten, als sei sie eine „Donna Angela“. Drum: pssssssst.

Wird ein möglicher Einbruch der CDU in Baden-Württemberg die Position der Kanzlerin und CDU-Chefin ins Wanken bringen?

Noch wirkt das Teflon. Und wenn der Fall eintreten sollte, dass die CDU im Ländle wirklich die Macht verliert – was ungefähr so wäre wie damals, als die SPD in NRW die Macht verlor; oder so wäre, als verlöre die CSU die Macht in Bayern –, wenn das wirklich eintritt, dann wird Stefan Mappus schuld sein, der Ministerpräsident, ist doch klar. Jedenfalls wird es Merkels Bundesvize Annette Schavan, die aus Baden-Württemberg kommt, allen klarzumachen versuchen.

Tatsächlich ist Mappus ein Raubauz, einer, der Kreide zu fressen versucht hat, aber dann doch nicht aus seiner Haut kann. Wie er jetzt den Stuttgarter Oberbürgermeister, immerhin ein CDU-Mann, angeranzt hat, so was hat es noch nicht gegeben. Und dass er in Stuttgart-Stadt demnächst quasi mitregieren will, klingt, als halte der Ministerpräsident von der kommunalen Selbstverwaltung nichts. Wahrscheinlich ist die CDU-Wahlkampfleitung in dem Moment, als sie das hörte, halb ohnmächtig geworden. Von Stuttgart 21 gar nicht weiter zu reden, bis auf das: Manchmal hat Mappus bei seinen Reden inzwischen wieder so einen Unterton, als rolle da noch was an, was Fauchendes. Und daran soll Merkel schuld sein?

Nur hat sie, andererseits, keinen Zweifel daran gelassen, dass sie den unterirdischen Bahnhof will; und dass sie eine Koalition mit den Grünen als der „Dagegen-Partei“ nicht will. Was aber, wenn es Schwarz-Gelb nicht schafft, sondern Schwarz-Grün regieren könnte? Dann kann Merkel zwar nicht sagen: Ich will mal nichts gesagt haben. Aber eine, Schavan, könnte für sie sagen: Das ist ein Nebenwiderspruch.

Ist die Bundeskanzlerin im Zuge der Irritationen um den Euro und die europäischen Stabilitätshilfen noch als europäisches Schwergewicht zu bezeichnen?

Aber ja. Welches Land in Europa ist wirtschaftlich stärker und politisch gewichtiger? Genau – keines. Welches Land in Europa ist besser aus der weltweiten Krise herausgekommen? Genau – keines. Welcher Regierungschef in Europa ist länger im Amt? Ach, die Liste wird immer länger. Die Fakten sprechen für sich, für sie. Außerdem ist sowieso am wichtigsten, wie die deutsch-französische Freundschaft funktioniert. Und die ist wieder so, dass man sagen kann, Europas Motor stottert nicht mehr. Die nächsten Wochen und Monate werden es zeigen: Die Wirtschaftsregierung wird kommen.

Hat sich Merkel im Laufe ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin verändert – politisch, taktisch, im Auftreten?

Graduell sicher. Kein Mensch badet im selben Flusse zum zweiten Mal. Sie wirkt entschlossener, härter auch. Das Ausbalancieren ist nicht mehr ganz so angesagt. Ganz allmählich geht sie ins Offene, etwas, das ihr der alte Freund und Akademiekollege Michael Schindhelm mit diesen Worten vor Jahren ans Herz gelegt hatte. Merkel ist sogar bereit, dem einen oder anderen über ihren engsten Kreis hinaus mal zu vertrauen; ein schönes Beispiel dafür ist Wolfgang Schäuble.

Politisch war sie übrigens nie nur Naturwissenschaftlerin, will sagen: eine, die alles berechnet. Eher dann schon so, dass sie eine Versuchsanordnung aufbaut und schaut, was hinten rauskommt. Vielleicht eine Art Merkelsche Relativitätstheorie. Daneben ist sie immer auch situativ und intuitiv. Und manchmal sogar gefühlig.

Zur Person:

KINDHEIT

Als Angela Kasner wird sie am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren. Bald zieht die Familie in den Osten, weil ihr Vater dort eine Pfarrstelle erhält. Schule in Templin, Pionierorganisation, FDJ, aber Konfirmation, keine Jugendweihe.

BERUF

In Leipzig studiert sie Physik. Nach dem Diplom arbeitet sie am Berliner Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften – wo sie ihren heutigen Ehemann kennenlernt – und promoviert.

POLITIK

Ende 1989 stößt sie zum Demokratischen Aufbruch, der in der Allianz für Deutschland mit CDU und DSU zur Volkskammerwahl antritt. Nach dem Wahlsieg beginnt Merkels Aufstieg: Vizeregierungssprecherin, Bundestag, Bundesministerin für Frauen und Jugend, Umweltministerin, CDU-Generalsekretärin, seit 2000 CDU-Chefin, seit 2005 Bundeskanzlerin.

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