Politik : Bundespräsident Johannes Rau lud ein und zeigte sich als Vollblutpolitiker

Elisabeth Binder

Natürlich stehen auch Small-Talk-Varianten über aktuelle politische Katastrophen auf dem inoffiziellen Programm an diesem Morgen im Schloss Bellevue. Rüdiger Just repräsentiert eine Institution, die über 500 Jahre alt ist und damit deutlich über jedem Tagesgeschehen steht. Er ist Vorsteher der Salzwirker Brüderschaft im Thale zu Halle. Friedrich der Große hat ihr einst das Privileg verliehen, dem jeweils regierenden Staatsoberhaupt Neujahrsgratulationen zu übermitteln, und deshalb sind ihre vier Repräsentanten hier; es gab Zeiten, da hat die Brüderschaft auf dieses Privileg verzichtet, während der Nazi-Herrschaft und zu DDR-Zeiten.

Heute tragen die vier Vertreter ihre historische Tracht, die ihnen einst von Friedrich Wilhelm IV vorgeschrieben wurde, voller Stolz auf ihre mehrere Jahrhunderte alte demokratische Tradition.

Dies ist der erste Empfang beim Bundespräsidenten Johannes Rau. Das Ritual ist jedes Jahr gleich, der Bundespräsident und seine Frau stehen gegenüber einem Podium mit großem Aufgebot an Kameras und Fotoapparaten; am Defilee nehmen die Spitzen von Verbänden, Institutionen, Bundesländern und die Bundesregierung teil. Traditionell interessiert es eine Mehrheit der Anwesenden, ob eine bestimmte, gerade im Rampenlicht stehende Persönlichkeit wohl kommt oder nicht, diesmal - logisch - Wolfgang Schäuble.

Jeder Präsident hat seinen eigenen Stil, und der wird bei wiederkehrenden Ritualen natürlich besonders deutlich sichtbar. Mit Johannes Rau ist ein Vollblutpolitiker ins Schloss eingezogen. Jemand, der, auch wenn striktes Händeschütteln auf dem Programm steht, doch so wirkt, als stünde er innerlich immer irgendwie mit ausgebreiteten Armen da. Was nicht nur bei den Kirchenvertretern, die ihm besonders nahe stehen, gilt oder bei den Delegationen aus seiner alten Heimat, sondern auch bei manchen Politikern anderer Parteien. Dass er sich, wie bei Annemarie Renger, zum Wangenkuss hinreißen lässt, bleibt die Ausnahme, trotzdem ist Herzlichkeit mehr als Gemessenheit seine Sache. Derweil betont Frau Christina an seiner Seite mit ihrem zurückhaltend eleganten Botschafterinnen-Lächeln eher die präsidiale Note des Ereignisses.

Wobei auch sie durchaus sehr entgegenkommend wirkt, besonders als die Bürger aufgerufen werden, die sich mit ihrem ehrenamtlichen Engagement um die Gesellschaft verdient gemacht haben. Schließlich war es ihr Großvater Gustav Heinemann, der als Bundespräsident erstmals Menschen zum Neujahrsempfang geladen hat, die zwar nach Rang und Titeln nicht zu den Spitzen der Gesellschaft zählen, aber doch ein entscheidendes Fundament bilden, das sie zusammenhält. Diese Ansammlung von Menschen, die selbstlos ihre Zeit in den Dienst der Gemeinschaft stellen, bildet angesichts des Gespräche über aktuelle politische Geschehnisse doch immerhin ein optimistisch stimmendes Gegengewicht. In anderen Ländern, zum Beispiel den USA, ist es ganz klar, dass man ohne Einsatz fürs Gemeinwohl nicht in Spitzenpositionen gelangen kann. Hierzulande kommen Altruisten noch zu selten ins Rampenlicht.

Für die geladenen Bürger bedeutet die Einladung nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch einen Motivationsschub. "Es bestärkt einen, darin weiterzumachen und motiviert ganz sicher auch andere, sich zu engagieren", sagt Ulrich Günter Cichonczyk, als Kriminalhauptkommissar besonders der Sicherheit älterer Menschen verpflichtet und ehrenamtlich in der Opferhilfeorganisation "Weißer Ring" tätig. Gerhard Thieme, Gründungsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Weißensee, ehrenamtlich engagiert seit 50 Jahren ("nur zu DDR-Zeiten nicht") vermisste die jüngere Generation: "Wir Älteren sind es eher gewohnt, Pflichten zu übernehmen, die Jüngeren, die schon was geleistet haben, könnten durchaus Aufmunterung gebrauchen." Das ist für die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, ein ganz normaler Vorgang: "Erst, wenn man sein Leben überblickt, hat man Ruhe, sich solcher Aufgaben anzunehmen." Je weniger der Staat in der Lage ist, alles für seine Bürger zu erledigen, desto wichtiger werden Menschen, die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Dass diese sich in der gelösten, volksnahen Atmosphäre des Empfangs gut aufgehoben fühlten, zeigte zum Beispiel die Tatsache, dass mehr Leute als sonst private Erinnerungsfotos machten, bevor es zum Mittagessen mit dem Bundespräsidenten ging. Zu diesem Zeitpunkt hatte Wolfgang Schäuble, der doch gekommen und mit reichlich Blitzlicht empfangen worden war, das Schloss schon wieder verlassen.

Seit einigen hundert Jahren bringt die Brüderschaft aus Halle immer dieselben Gaben mit zum Empfang, geräucherte Würste und Soleier zur Pyramide geschichtet. Früher pflegte das traditionell der siebte Gang beim anschließenden Essen zu sein.

Diesmal lagen die symbolträchtigen Lebensmittel noch mit anderen Gaben auf der Anrichte im Salon. Für sieben Gänge am hellichten Tag haben moderne Staatsoberhäupter einfach keine Zeit mehr. Auf Johannes Rau warteten bereits der slowakische Staatspräsident und später ein Vortrag in Tutzing.

Je kostbarer in einer chronisch überlasteten Gesellschaft Zeit wird, desto großzügiger diejenigen, die sie anderen zur Verfügung stellen.

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