Politik : Bundespräsident Johannes Rau mahnt: Es darf keinen Zwang zur Erinnerung geben

Ihr Amtssitz ist 70 Kilometer von Polens Grenze en

Bundespräsident Johannes Rau gab sein einziges Interview zum 60. Jahrestag des Kriegsbeginns der polnischen Wochenzeitung "Polityka". Die Fragen stellte Adam Krzeminski. Wir dokumentieren Auszüge

Ihr Amtssitz ist 70 Kilometer von Polens Grenze entfernt. Ändert das die Optik?

Es wäre schön, wenn das so wäre. Nur, als ich Ministerpräsident in Düsseldorf war, hatte ich nicht den Eindruck einer besonderen Nähe zu Brüssel. Aber vielleicht ist mir nur diese Politgeografie fremd. In einer Zeit der Weltbürger, in der man in wenigen Minuten in einer beliebigen europäischen Hauptstadt sein kann, haben diese Symbole wenig Bedeutung. Aber Bedeutung hat für mich, dass wir das Volk mit den meisten Nachbarn in Europa sind. (. . .)

Als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen haben Sie trotz der geographischen Entfernung recht früh Kontakte nach Polen geknüpft.

Polen ist mir nicht fremd. 1989, am Jahrestag des 1. September, bin ich mit einer Gruppe Jugendlicher nach Polen gefahren, um zu zeigen, dass zwischen Deutschen und Polen Begegnungen zwischen den Menschen notwendig sind, und zwar nicht nur auf der Regierungsebene. (. . .)

Polen hatte bereits den ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten im Ostblock, doch Bundeskanzler Kohl hinderte den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker daran, auf die Westerplatte zu kommen, weil er nicht allzu sehr an die Geschichte erinnern wollte. Sie dagegen haben an die Tradition Willy Brandts angeknüpft, der als erster Bundeskanzler die Oder-Neiße-Grenze anerkannte und in Warschau vor dem Ghetto-Denkmal niederkniete. (. . .)

Wollen auch Sie nun ein besonderes Zeichen setzen?

Nein, ich will einfach kommen und zeigen, dass wir aus dem Leid der Geschichte Konsequenzen für eine gemeinsame Zukunft ziehen. (. . .) Ich bin nicht jemand, der Symbole inszenieren will. Die ergeben sich oder sie ergeben sich nicht. (. . .)

In den letzten dreißig Jahren ist viel erreicht worden, dennoch stoßen wir immer wieder auf Narben und offene Wunden.

Es leben immer noch Menschen, die Betroffene, Beschädigte oder Täter sind. Die deutsche Teilung und damit die Teilung Europas haben dazu geführt, dass die Nachkriegsgenerationen in Westdeutschland sich fast ausschließlich nach Westen orientiert haben. Jetzt müssen sie sich umstellen und lernen, dass Warschau, Danzig, Krakau, Prag und Budapest auch europäische Städte sind. Das ist ein langer Lernprozess, der nur durch Lebenserfahrung geht, nicht nur durchs Schulbuch.

Seit einiger Zeit kann man in Deutschland den Wunsch beobachten, sich dem Gefühl der historischen Schuld zu entziehen. Martin Walser hat gesagt, das ständige Erinnern an Auschwitz sei eine "Moralkeule". Ist die Erinnerung durch die Nachkommen der Opfer tatsächlich eine moralische Erpressung der Nachkommen der Täter?

Keinesfalls. Nach meiner Überzeugung hat Martin Walser hier weder den richtigen Ton noch den Kern der Sache getroffen. Ich habe 1995, am selben Tag, an dem der polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski seine historische Rede hielt, im Bundestag die Frage nach der Ritualisierung unseres Gedenkens gestellt. Damals gab es gar keinen Aufschrei, weil ich diese Frage im Zusammenhang von deutscher Schuld gestellt habe. Dieser Begriff aber fehlte in Walsers Rede. Er sprach von deutscher Schande, nicht aber von Schuld.

Sie sind Sie ein Fürsprecher der Versöhnung. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Dass man die Vergangenheit nicht vergisst, nicht verkleistert, nicht einen Schlussstrich, sondern Konsequenzen aus der Vergangenheit für die Zukunft zieht, so dass wir lernen, miteinander zu leben und nicht gegeneinander zu kämpfen.

Wie und wessen sollte man also gedenken, wie und was vergessen?

Es darf keinen Zwang zur Erinnerung geben, sondern den Willen und die Bereitschaft zur Erinnerung. Gustav Heinemann, einer meiner Vorgänger, hat einmal gesagt, die einzige Chance, dass die anderen Völker vergessen, was die Deutschen ihnen angetan haben, ist, dass wir es nicht vergessen.

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