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Bundespräsident vereidigt : Joachim Gauck: "Euer Hass ist unser Ansporn"

Am Freitagmorgen ist Joachim Gauck als elfter Bundespräsident vereidigt worden. In seiner Antrittsrede bekennt er sich zu Europa, stemmt sich gegen den Rechtsextremismus und wünscht sich Vertrauen.

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Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
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23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Fünf Tage nach seiner Wahl ist der neue Bundespräsident Joachim Gauck vereidigt worden. Der 72-Jährige leistete am Freitag in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat seinen Eid. Gauck ist das elfte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik.

Der frühere DDR-Bürgerrechtler und Theologe sprach die von der Verfassung vorgegebene Eidesformel mit dem Zusatz: „So wahr mir Gott helfe“.

In seiner Antrittsrede tippte Gauck verschiedenste Themen an. Er sprach darüber, wie ein Land aussehen soll, "von dem auch unsere Enkel sagen, es ist unser Land." So sprach er zunächst von der Entwicklung Deutschlands in der Nachkriegszeit und er sprach dabei von einem "Demokratiewunderland". Zunächst sei der Umgang mit dem Nationalsozialismus "defizitär" geblieben, sagte Gauck. "Erst die 68er-Generation hat das nachhaltig geändert." Trotz aller Irrwege habe sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt. Diese auf Fakten basierende und an Werten orientierte Aufarbeitung der Vergangenheit sei auch in Ostdeutschland nach dem Ende der SED-Herrschaft 1989 beispielhaft gewesen, sagte Gauck.

Er sieht vor allem in diesem Mut der Bewegung und auch der Aufarbeitung etwas, was Deutschland bewahren und weitertragen müsse. "Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt“, sagte Gauck.

Zentrales Thema seiner Rede war auch die Gerechtigkeit. Er sieht "Freiheit als Bedingung für Gerechtigkeit, aber Freiheit muss auch erlebbar sein". Gauck versicherte das Thema Integration, was seinem Vorgänger Christian Wulff am Herzen gelegen habe, fortzuführen. "Dieses ihr Anliegen wird auch mir beständig am Herzen liegen", sagte Gauck in Richtung von Christian Wulff, der zusammen mit seiner Ehefrau Bettina ebenfalls anwesend war. Dabei erinnerte er daran, dass die Verfassung "allen die gleiche Würde" ausspreche.

Die Vereidigung Gaucks im Video:

Gauck bekannte sich ganz eindeutig zu Europa. Und er forderte gerade im Angesicht der Krise "mehr Europa zu wagen". Die Stützen eines zukünftigen Deutschlands müssten weiter die repräsentative Demokratie sein aber auch die aktive Bürgergesellschaft. Dazu zählte Gauck neben verschiedensten Bürgerinitiativen auch die "Teile der digitalen Netzgesellschaft".

Besonders vehement wandte sich Gauck gegen den Rechtsextremismus. "Wir lassen uns unsere Demokratie nicht wegnehmen, wir stehen zu unserem Land." Und das nicht, weil dieses Land so vollkommen sei, "sondern weil wir nie ein besseres gesehen haben". Und weiter: "Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich“, sagte er unter großem Beifall. Gauck fügte an die Adresse der Rechtsextremen hinzu: „Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.“

Gauck appellierte daran, die Kluft zwischen Regierenden und Regierten zu verkleinern. Die Regierenden müssten offen und klar reden und die Regierenden müssten sich vor allem auch als Bürger sehen. "Seid nicht nur Konsumenten, ihr seid Bürger, werdet Mit-Gestalter", sagte Gauck.

Abschließend erlaubte sich Gauck einen Wunsch: nach Vertrauen. "Zuletzt in meine Person", sagte Gauck. Vor allem fordert er die Menschen in Deutschland auf, "Vertrauen in sich selbst zu haben." Er sagte: "Ich bitte sie alle, mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen." Dabei griff Gauck auf ein Zitat des indischen Pazifisten Mohandas Gandhi (1869-1948) zurück, wonach nur ein Mensch mit Selbstvertrauen Fortschritt machen und Erfolge haben könne.

Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte in seiner Rede zuvor daran, dass Gauck der erste parteilose Bundespräsident und auch der erste sei, der aus der früheren DDR stammt. Letzteres zeige "den
unaufhaltsamen Fortschritt der inneren Einheit unseres Landes". Er wandte sich mit einem Wunsch an Gauck: "Sie werden getragen von einer Woge der Sympathie. Es ist Ihnen zu wünschen, dass dies so bleibt."

Horst Seehofer, der als amtierender Ministerpräsident das Amt des Bundespräsidenten kommissarisch geleitet hatte, sagte, dass der ostdeutsche Theologe "wie kaum ein Zweiter für den Satz der friedlichen
Revolution in der DDR von 1989 'Wir sind ein Volk' steht". Sowohl Lammert als auch Seehofer dankten Christian Wulff für seine Arbeit. Er habe wichtige Impulse für den Zusammenhalt und die Integration gesetzt. Wulffs Frau Bettina habe "dem modernen Deutschland ein Gesicht gegeben", sagte Seehofer.

Die Reaktionen vor allem im Netz auf die Rede Gaucks sind auffallend positiv. "Ich habe so das Gefühl, es könnte sich gelohnt haben, sich für zu engagieren!", twittert Christoph Giesa. Einige versuchen sich als Gauck-Übersetzer, wie der User "Weltverbeserer": " translator 'ohne moral und anstand in der elite gibt es keine gerechtigkeit' seitenhieb auf oder ?" Auch auf Facebook gibt es etliche Reaktionen auf die Rede Gaucks. Und selbst Kritiker Gaucks, wie beispielsweise Kamuran Sezer, Leiter des Dortmunder Instituts “futureorg”, eine auf Trendforschung spezialisierte Denkfabrik für soziale, kulturelle und ethnische Diversität in Deutschland, reagieren positiv. "Die Rede des neuen Bundespräsidenten hat mich berührt. Ich empfinde auch eine große Zustimmung zu vielen Inhalten seiner Rede. Wer aber glaubt, dass ich aufhöre mit "ihm" zu streiten, der irrt sich und hat aber auch Gaucks Worte nicht verstanden." Sezer hatte sich unsicher darüber gezeigt, wie es Gauck mit den Thesen von Thilo Sarrazin halte.

Mittlerweile ist Gauck, der am 18. März von der Bundesversammlung mit großer Mehrheit zum neuen Staatsoberhaupt gewählt worden war, zu seinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue, zurückgekehrt. Dort wurde er mit militärischen Ehren empfangen. (Mit dpa/dapd)

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