Bundespräsidenten-Wahl : Wer sind die Wulffs?

Das jüngste Präsidentenpaar können sie werden. Sie, Bettina, hat ein Tattoo und war alleinerziehend. Er, Christian, ist CDU pur. Gemeinsam wollen sie nach Berlin.

Klaus Wallbaum
Auf dem Weg nach Bellevue. Christian Wulff mit seiner Frau Bettina und Sohn Linus. Foto: ddp
Auf dem Weg nach Bellevue. Christian Wulff mit seiner Frau Bettina und Sohn Linus.Foto: ddp

Was für ein Typ ist Christian Wulff?

Zu Christian Wulff gehören einige Sinnbilder und Leitsprüche, die er immer wieder verwendet – und überstrapaziert. Zum Beispiel das Bild von der Eiger-Nordwand, die man gegen große innere Widerstände und Ängste besteigen müsse und dann, wenn man oben sei, den großen Überblick habe. Davon redet der CDU-Politiker gern, wenn es um die enormen Anstrengungen in der Sparpolitik geht. Oder den Spruch mit dem Wespennest: „Greife niemals in ein Wespennest, aber wenn Du greifst, dann greife fest.“ Zur Zeit der CDU-Spendenaffäre 1999, als er sich bundesweit als Aufklärer gegen Helmut Kohl und dessen Dunstkreis profilieren wollte, war dieser Satz von ihm öfter zu hören. Gern hat er bisher seine Reden mit derartigen, mal mehr und mal weniger gelungen Sätzen gespickt – oft auch gelang es ihm, die Zuhörer damit aufzurütteln.

Zu Beginn seiner politischen Karriere in Hannover galt er als kühl, unnahbar, verbissen und streberhaft. Das Schwiegersohn-Image haftete an ihm – nett, aber harmlos. Die Lebensfreude schien ihm zu fehlen, er wirkte verklemmt. Dieses Image von Wulff hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, vor allem seit 2003, seit er Ministerpräsident wurde. Er tritt jetzt lockerer und verbindlicher auf, geht auch schon mal auf ein Popkonzert oder kopiert Modetrends. Viele führen das auf den Einfluss seiner neuen Frau Bettina zurück. Aber es ist ein Bemühen um Lockerheit. Denn tatsächlich ist er ein Kopfmensch, der sein Auftreten selbst dann unter Kontrolle hat, wenn er ausgelassen und locker erscheint. Und: Wulff vergisst nicht, vor allem die nicht, die mal gegen ihn gestanden haben. Er hat ein Elefantengedächtnis und kann auch nachtragend sein, heißt es. Machtkämpfe nimmt er nicht nur an, er betreibt sie auch.

Wie viel CDU steckt in ihm?

Wulff ist in der Jungen Union groß geworden, und zwar im Bezirksverband Osnabrück-Emsland, der sich, katholisch geprägt, immer von den eher protestantischen, teilweise national-konservativen Teilen der JU absetzte. Aus dieser JU-Zeit sind ihm Seilschaften, Ränkespiele und Machtkämpfe in Fleisch und Blut übergegangen. Die CDU ist in seinem Leben immer ein großer Teil gewesen – als Schüler war er Bundesvorsitzender der Schüler-Union, Helmut-Kohl-Poster hingen in seinem Zimmer. Dann wurde er Landeschef der Jungen Union, Kommunalpolitiker in Osnabrück, von 1994 bis 2008 war er CDU-Chef in Niedersachsen und seit 2003 ist er Ministerpräsident. Alle wichtigen Akteure in der Bundes-CDU kennt er persönlich, weiß um die Beziehungsgeflechte, um geheime Verbündete und um erbitterte Feindschaften. Erst 2008, kurz vor seinem 49. Geburtstag, zog er sich vom CDU-Landesvorsitz zurück – für viele war das ein Zeichen, dass er die Welt der ewigen Parteisitzungen leid ist und davon Abstand haben möchte.

Das Provinzielle hat Wulff versucht abzulegen, persönlich, aber auch politisch. Früh trat er dafür ein, Frauen stärker in die Verantwortung zu bringen. Seine jüngsten Kabinettsumbildung, erst anderthalb Monate alt, kündet davon – er holte drei Frauen und nur einen Mann. Es war Wulffs Kabinett, in dem mit Aygül Özkan die erste türkisch-stämmige Ministerin in Deutschland vertreten war und sicher auch bleiben wird. Denn David McAllister, der ihm als niedersächsischer Ministerpräsident nachfolgen soll, wird das Kabinett wohl kaum umbilden. Die Integration von Ausländern ist Wulff ein Anliegen. Und die frühkindliche Bildung, die Ausweitung von Kindergartenangebote und die Förderung alleinerziehender Frauen – alles Programmpunkte von Ursula von der Leyen, Bundesarbeitsministerin und Landsfrau.

Was charakterisiert seine Frau Bettina Wulff?

Die neue First Lady hat manche Eigenschaften der französischen Präsidentengattin Carla Bruni. Sie ist lebenslustig, kontaktfreudig und unkompliziert, kann problemlos in den Medien auftreten und hat erheblich dazu beigetragen, dass ihr Mann nicht mehr so ernst und verbissen wirkt. Bettina Wulff kommt aus der Öffentlichkeitsarbeit, sie hat bei der Continental AG gearbeitet und ist zurzeit in der PR-Abteilung der Drogerie-Kette Rossmann beschäftigt. Kommunikation ist ihr Geschäft. Kein Wunder rechnen viele ihr den Imagewandel, vor allem den öffentlich vollzogenen Wandel ihres Mannes zu. Offensiv gingen sie mit ihrer Beziehung in die Öffentlichkeit. Das gemeinsame Kind, die Scheidung Christian Wulffs von seiner Jugendliebe Christiane, die Hochzeit – alles öffentlich wahrnehmbar. Sie besuchten viele Feste zusammen. Für Christian Wulff hieß das: mehr Glamour, weniger Politik. Er kann im Glanz seiner 14 Jahre jüngeren Frau strahlen. Trägt plötzlich Jeans und inszeniert sich als Mann mit gebrochener Biografie.

Die 36-Jährige wird die jüngste Präsidentengattin in der Geschichte der Bundesrepublik werden. Aber nicht nur das unterscheidet sie von ihren Vorgängerinnen. Sie wird auch die tätowierteste First Lady sein. Ein sogenanntes Tribal trägt sie am Oberarm. Die Wulffs sind eine Patchwork-Familie. Sie bringt einen Sohn und die Erfahrung einer alleinerziehenden Mutter mit in die Ehe und er eine Tochter. Hinzu kommt der gemeinsame Sohn. Es wird Teil ihrer Inszenierung als jüngstes Präsidentenpaar sein. Wie das aber in der Bevölkerung ankommen wird, und ob Bettina Wulff nicht doch in die Rolle der klassischen Frau an seiner Seite schlüpfen wird, bleibt abzuwarten.

Welche Rolle spielt die Kirche?

Christian Wulff gilt nicht als besonders fromm oder kirchentreu. Doch Glaubensfragen haben für ihn schon eine große Bedeutung. Seine erste Frau Christiane war stark engagiert in der katholischen Kirche. Wulff selbst ist mit Sozialpolitik und Fürsorge von frühester Kindheit an vertraut. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er zwei Jahre alt war, und auch der Stiefvater verließ die Familie als die Mutter an multipler Sklerose erkrankte. Wulff musste sich um sie und seine jüngere Schwester kümmern. Eher unauffällig ist er in christlichen Organisationen aktiv, etwa als Unterstützer von Pro Christ, und vor der Heirat mit Bettina Körner besuchte Wulff den Papst, um auch über die Wiederheirat zu reden, die für geschiedene Katholiken eigentlich tabu ist. Wulff signalisierte so dem katholischen Teil der Union, der über seine Scheidung 2007 teilweise entsetzt war, wie wichtig ihm die Institutionen der Kirche sind.

Ist Christian Wulff langweilig oder präsidial?

Ein „Langweiler“, wie manche über ihn sagen, ist Wulff nicht. Viele Reden wirken betont mild und ausgleichend, die kämpferische Pose aus der Oppositionszeit hat er abgelegt. Wulff-Reden haben zwar nicht den intellektuellen Tiefgang eines Richard von Weizsäcker, aber sie sind klug und durchdacht, streckenweise auch witzig. Anders als Johannes Rau strahlt Wulff keine Wärme und Herzlichkeit aus, er bleibt distanziert, ist dabei aber freundlich, verbindlich und charmant. Anders als Roman Herzog fehlt ihm bisher das Zupackende. Kritiker, die bemängeln, er habe in den vergangenen Jahren keine Zeichen gesetzt, haben mit Bezug auf seine Reden zwar recht. Aber in seiner Politik hat er sich als Vertreter des liberalen und großstädtischen Teils der Union präsentiert.

Wulff kennt die Tücken des politischen Geschäfts. Er ahnt, wo ein Fettnäpfchen stehen könnte – und er ist in vielen Jahren des politischen Alltags geübt darin, zur richtigen Zeit den richtigen Ton anzuschlagen. In einigen Fällen ging das im Landtag schief, dann nämlich, wenn er sich über irgendetwas aufregte und dabei die Contenance verlor. So geschah es, als er sich im vergangenen Jahr während einer Plenardebatte mit dem Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft angelegt hatte. Auf der anderen Seite versteht er sich gut auf nachdenkliche, inspirierende Reden wie im vergangenen Herbst bei der Trauerfeier für den Fußballer Robert Enke, der sich das Leben genommen hatte. Wulff ist mittlerweile viel zu geübt für eine schlechte Rede.

Was unterscheidet die Wulffs von ihren Vorgängern?

Zwar waren auch viel Präsidentengattinnen Persönlichkeiten, die Stiftungen gründeten und sich sozial engagierten. Auch Bettina Wulff hat schon eine Stiftung, die sich um Schwangere und junge Familien in Not kümmert. Doch die Wulffs werden versuchen das Moderne in den Vordergrund stellen. Sie will nicht nur die Frau an seiner Seite sein, keine Staffage. Und Wulff wird sich von seinem unmittelbaren Vorgänger Horst Köhler unterscheiden. Dieser wirkte herzlich und engagiert – und sah sich dabei manchmal allein auf weiter Flur. Das kann dem in der Politik stark vernetzten Wulff nicht passieren. Nie würde er am politischen Betrieb als solchem zweifeln oder sich in Gegnerschaft zur Parteiendemokratie begeben. Dafür ist er zu sehr ein Teil von ihr. Viel spricht dafür, dass er seinen Themen mehr Raum geben wird: Die Rolle alleinerziehender Frauen, die frühkindliche Bildung, die Förderung der Integration in der Gesellschaft. Während Köhler die Afrika-Hilfe und die Entwicklungspolitik ein großes Anliegen waren, ist es für Wulff der Zusammenhalt der Gesellschaft. An das Verhalten der Menschen wird er appellieren, für eine neue Bescheidenheit werben und vor der Gier mancher Manager warnen. Wulff dürfte dem Amt vor allem eine innenpolitische Bedeutung geben. Nicht ausgeschlossen, dass sich daran in der Bundesregierung viele stören werden. Doch Wulff, der schüchtern und zaghaft wirken mag, scheut das politische Risiko nicht.

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