Bundespräsidentenwahl : Entfesselte Konkurrenz

Nach Horst Köhler sucht auch Gesine Schwan nach den Ursachen der Krise. Dabei warnte sie davor, "Schwarzer Peter" zu spielen.

Rainer Woratschka

BerlinAls Kind, lässt Gesine Schwan einfließen, habe sie gerne Schwarzer Peter gespielt. An diesem Freitag verzichtet die Bundespräsidenten-Kandidatin nicht nur darauf, sie warnt sogar ausdrücklich davor. Weil das Schwarze-Peter-Spiel, oder, wie sie sagt, „das Vorführen von Sündenböcken“, bei der Ursachenforschung nur den Blick verstelle. Gierige Manager und verantwortungslose Banker allein könnten es nicht gewesen sein – das „System“ müsse deren Fehlverhalten schon auch „begünstigt, gefördert, zum Teil sogar erzwungen haben“.

Gesine Schwan analysiert nun auch die Finanzkrise. Sie tut es nicht in öffentlicher Rede, sondern vor und mit Journalisten der Bundespressekonferenz, das Interesse ist mittelprächtig. Es ist eben ein wenig unglücklich, wenn sich die Herausforderin drei Wochen nach dem Amtsinhaber zum selben Thema äußert. Und mehr Aufsicht und Staat, mehr Transparenz, weniger „Freiheit ohne Verantwortung“ – hat das alles nicht bereits fast wortgleich Horst Köhler gefordert? Die Ursachen für das Banken- und Wirtschaftsdesaster lägen „sehr viel tiefer, als bisher öffentlich diskutiert“, betont die Politikwissenschaftlerin und begründet damit indirekt den nachgezogenen Auftritt. Ihre These: Im Kern handele es sich nicht um eine Finanzkrise, sondern um „eine Kulturkrise, die alle Gesellschaftsbereiche erreicht und durchdrungen hat“.

Die Begriffe, die Schwan dafür findet, lauten „entfesselte Konkurrenz“ und „strukturelle Verantwortungslosigkeit“. Es störe sie, sagt die Kandidatin, dass man nicht sehe und kritisiere, wie weit diese „von der Ökonomie angestoßenen“ Prinzipien bereits verbreitet seien – und dass sie, rückwirkend gewissermaßen, die Finanzkrise mitbefördert hätten.

Beispiel Bildung. An Schulen und Universitäten herrsche ein Konkurrenzdenken, das zerstörerisch wirke, klagt die Professorin. Statt des Miteinanders unterschiedlicher Talente sei „Egoismus zum Zentralprinzip erklärt“ worden. Statt der Fixierung auf Elitenförderung sei eine „Kultur der Gemeinsamkeit“ nötig, es brauche mehr interdisziplinäres Lernen, mehr Zeit zum Nachdenken, auch „mehr spielerische Elemente“.

Handlungsbedarf gebe es besonders in der Ausbildung von Managern. Bislang seien die meisten dieser Programme „reine Karriere-Turbos“, bei denen man „Mitläufer ohne Rückgrat“herausbilde. In der Krise hätten sich bei vielen der vermeintlich gut funktionierenden Spitzenkräfte Realitätsverlust und fehlende Verantwortung erwiesen. Angehende Führungskräfte müssten stärker interdisziplinär geschult werden, und sie müssten auch ethische Prinzipien vermittelt bekommen. Mit individuellen Schuldzuweisungen jedoch sei nicht geholfen. „Statt Moralin ist Analyse gefragt.“ Sie verlange Erklärungen, auch und gerade von den Chefs der vor die Wand gefahrenen Finanzbranche. Nur so, sagt Schwan, könne „die Krise auch zur Chance“ werden.

Die Krise als Chance hat Köhler auch schon beschworen. Die Herausforderin aber meidet fünf Wochen vor der Wahl jeglichen Bezug auf den Amtsinhaber. Weder Lob noch Kritik. Nur einmal entfährt es ihr trotzig, dass sie eigene Überlegungen anstelle – „unabhängig davon, was das Staatsoberhaupt gesagt hat“.

Patentrezepte aber hat auch Schwan nicht. Mehr Konjunkturprogramme? Man könne viel ausgeben, ohne viel zu erreichen. Verstaatlichung von Unternehmen? Sie sei schon immer gegen Planwirtschaft gewesen. Abschied von der Idee wirtschaftlichen Wachstums, wie von Köhler angedeutet? Unmöglich angesichts zunehmender Weltbevölkerung – auch wenn man natürlich stärker darauf achten müsse, was wachsen solle und was nicht. Nur eines weiß Gesine Schwan gewiss: Aus einer derartigen Kulturkrise „kommt man nicht mit ein paar technischen Regelungen“ heraus.

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