Bundespräsidentenwahl : Gaucks Grundsatzrede: "Auch Deutsche können Freiheit"

Mit einer pathetischen Rede im Deutschen Theater in Berlin bewirbt sich Joachim Gauck um das Amt des Bundespräsidenten. Der Kandidat von SPD und Grünen will ein "ständiger Vertreter der gesamten deutschen Demokratie" sein und wird von seinen Anhängern gefeiert.

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Joachim Gauck wird gefeiert, obwohl er sich gar nicht so gern feiern lässt.
Joachim Gauck wird gefeiert, obwohl er sich gar nicht so gern feiern lässt.Foto: ddp

Eines will Joachim Gauck gleich zu Beginn klar stellen. Der 71-Jährige steht auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin, es ist seine erste und einzige öffentliche Rede, die er als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten halten wird. Aber eines ist ihm wichtig. "Hier wird kein Wahlkampf gemacht", versichert er, seine Anhänger nennt er eine "Suchbewegung". Dabei sehen viele Unterstützer dies völlig anders.

Seit zweieinhalb Wochen trommelt die Gruppe "Wir für Gauck" lautstark für den parteilosen Kandidaten, sie mobilisiert die Anhänger im Internet und auf der Straße. Bis in den zweiten Rang drängen sich diese an diesem Dienstag im Zuschauersaal des Theaters. In den vorderen Reihen sitzt das Führungspersonal von SPD und Grünen, die beiden Parteien haben Gauck nominiert. Auch der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der in der Union für Gauck wirbt, hat dort Platz genommen. Dahinter sitzen viele aktuelle Mitstreiter, viele Schauspieler, Literaten und Bürgerrechtler.

Seine Unterstützer inszenieren den Pfarrer, ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Ex-Verwalter der Stasi-Akten als Rebellen gegen das politische Establishment. Sie feiern ihn als Präsidenten der Herzen. Mit Erfolg, in allen Meinungsumfragen liegt Gauck vor Christian Wulff, dem Kandidaten der Regierungsparteien CDU, CSU und FDP. Obwohl Gauck auf Grund der Mehrheitsverhältnisse eigentlich keine Chance hat, in der Bundesversammlung gewählt zu haben, hat er die Politik in der Hauptstadt innerhalb kürzester Zeit heftig durcheinander gewirbelt.

Bei seinem Auftritt im Deutschen Theater versucht Joachim Gauck gefasst zu wirken. Er will sich der Öffentlichkeit lediglich mit einer Grundsatzrede "vorstellen", schließlich ist es in der Bundesversammlung am 30. Juni nicht vorgesehen, dass die Kandidaten sich und ihre Ideen präsentieren. Er will an diesem Dienstag "Leitgedanken" für das Amt formulieren, über "Freiheit, Verantwortung und Gemeinsinn" sprechen und über das "Wir in unserem Staat". In Gedanken versunken, betritt er die Bühne. Als er 50 Minuten später seine Rede beendet, da verneigt er sich kurz vor den Zuhörern und verlässt diese schnell wieder. Er lässt sich ungern feiern, während der Beifall nicht enden will, schüttelt er lieber im Zuschauersaal Hände, nimmt langjährige Mitstreiter in den Arm.

"Erfahrungen des Ostens" - und ein wenig Pathos

Es ist offensichtlich, Joachim Gauck ist darum bemüht, nicht als jener bürgerliche Volkstribun zu erscheinen, zu dem er seit Anfang des Monats von den Medien und von seinen Unterstützern sowie von Sozialdemokarten und Grünen stilisiert wird. Im Deutschen Theater will er "nicht in Thesen oder plakativen Formulierungen" seine politischen Leitgedanken vorstellen, stattdessen über jene Erfahrungen reden, "die die Leidenschaft für die Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben". Seine Biografie, seine "Sehnsucht nach Freiheit" und die "Erfahrungen des Ostens" setzt er als Kapital ein und das einzige, was er sich darüber hinaus leistet, ist ein wenig Pathos.

Gauck erzählt von seiner Kindheit, in der er noch die Bomben des Zweiten Weltkrieges erlebt hat, von seinem Vater, der von den Kommunisten für fünf Jahre nach Sibirien deportiert wurde, vom 17. Juni 1953, den er als kleiner Junge am Radio verfolgt hatte und vom Bau der Mauer, der den DDR-Bürgern fortan den Weg zum "Neubeginn in der fremden Freiheit" versperrte. Es schildert ausführlich seine Begegnungen mit den "Botschaftern der geistige Freiheit in der Diktatur". Schließlich kommt Gauck auf den "Freiheitssturm" zu sprechen, der vor 20 Jahren Europa verändert habe. Vor allem eine Erfahrung könne der Osten des Landes daher in die gemeinsame deutsche Geschichte einbringen und den Westdeutschen schenken: "Auch Deutsche können Revolution, auch Deutsche können Freiheit."

Erst als das biografische Fundament gelegt ist, wagt sich Gauck in die aktuelle Politik vor. Er verteidigt das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan, diese werde dort "nicht aus deutschen Übermut" oder "um Länder zu erobern" eingesetzt, sondern "im Auftrag der Vereinten Nationen". Gauck kritisiert das "Treiben gewissenloser Finanzakrobaten oder maßloser Manager", fordert mehr Anstrengungen für die Integration von Zuwanderern und lobt das Engagement von Ehrenamtlichen, als Ausdruck einer "lebendigen Bürgergesellschaft". Und doch plötzlich wirkt der Kandidat fahrig und unsicher, seine Ausführungen zur aktuellen Politik bleiben vage. Es ist nicht zu überhören, die aktuelle Politik ist nicht sein Terrain. Dies mag dem Amt geschuldet sein, für das sich Gauck bewirbt und das Überparteilichkeit verlangt, es ist aber auch Ausdruck seiner ganz persönlichen Lebensgeschichte.

Intellektuelle Stärke und Überzeugungskraft gewinnt Joachim Gauck während seiner Rede im Deutschen Theater hingegen immer dann, wenn er sich auf seine Erfahrungen als ehemaliger DDR-Bürger beruft, wenn er sich gegen "angebliche Aussichtslosigkeit von Widerstand" wendet, wenn er einräumt, die DDR-Bürger hätten die Freiheit idealisiert, "weil wir sie nicht besaßen". Sie hätten nach der Wiedervereinigung erst lernen müssen, das Leben in Freiheit sei "nicht eine dauernde Erfolgs- und Glückserfahrung", sondern diese beweise sich erst dann, "wenn Herausforderungen zu bestehen sind".

Gauck bleibt auch als Kandidat der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und als solcher kreiert er schließlich eine völlig neue Aufgabe für den Bundespräsidenten, er wolle nicht nur Repräsentant des Landes nach außen sein, erklärt er, sondern zugleich "ständiger Vertreter der gesamten deutschen Demokratie gegenüber uns Bürgern". Er wolle "zwischen den Regierten und den Regierenden vermitteln" und weil er keinem Parteiinteresse folge, dürfe ihm jeder vertrauen.

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