Bundespräsidentenwahl : Twittern statt Zittern

Das Ergebnis der Köhler-Wahl wurde schneller bekannt, als das Protokoll erlaubt: Nun gibt es Ärger.

Robert Birnbaum

Berlin – „Ich hätte mir das natürlich auch anders gewünscht“, sagt Norbert Lammert. Das kann man sich gut vorstellen, hat doch „das“ den Bundestagspräsidenten am Samstag in der Bundesversammlung quasi um das Vorrecht gebracht, als erster das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl zu verkünden. Denn noch bevor Lammert nach der Auszählungspause in den Plenarsaal im Reichstag zurückkehrte und die Zahlen verlas, war das Bläserquintett eingezogen, das die Nationalhymne begleiten sollte. Damit war klar, dass es keinen zweiten Wahlgang geben würde. Und damit war auch klar, wer gewonnen haben musste – Horst Köhler.

Bei Union und FDP brach spontan Jubel aus. Als zwei Minuten später auch noch Saaldienerinnen mit Blumensträußen kamen, die sie – leicht verwirrt vom Gelächter im Saal – in den Bänken der Fraktionsführungen denen in die Hand drückten, die gerade dort saßen, die wiederum die Buketts mit roten Köpfen unter ihren Bänken versteckten, war die Protokollpanne perfekt. Zumal es dann noch einmal fast zehn Minuten dauerte, bis Lammert zurückkam, das Ergebnis verkündete und Köhler als Sieger in den Plenarsaal schritt.

Während die Gewinner des Tages den Vorgang amüsiert-achselzuckend zur Kenntnis nahmen, reagierten die Unterlegenen vergrätzt. Der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, Volker Beck, zürnte über einen „protokollarischen Super-GAU“, sein SPD-Kollege Christian Lange sprach von einem „Regiefehler“ mit Folgen, die „unangemessen und unwürdig“ gewesen seien. Der Vorgang solle im Ältestenrat besprochen werden.

Wer die Panne genau zu verantworten hat, will naturgemäß keiner sagen. Lammert selbst, am Sonntag im Deutschlandfunk dazu befragt, wirbt um Nachsicht: Das sei einer dieser „weder geplanten noch wirklich vermeidbaren“ Vorgänge gewesen. „So was kommt bei Familienfesten vor, so was kommt bei Firmenjubiläen vor“, sagt er, „bei Rundfunk- und Fernsehanstalten natürlich nie!“ Verständnis zeigt er dafür, dass der Vorgang selbst und die Jubelarie auf schwarz-gelber Seite für die Unterlegenen unschön war. „Das kann ich nachempfinden“, sagt Lammert. Die SPD-Kandidatin Gesine Schwan habe sich aber im Gespräch mit ihm hinterher selbst nicht beschwert.

Nicht nachvollziehen kann der Bundestagspräsident Aufgeregtheiten darüber, dass auch das konkrete Wahlergebnis – 613 Stimmen für Köhler – schon vorab im Reichstag die Runde machte. Dass die Auszähler ihre Fraktionsführungen diskret unterrichten, ist alter parlamentarischer Brauch. Um 14 Uhr 11 – acht Minuten vor dem Bläser-Auftritt also – legte SPD-Fraktionschef Peter Struck denn auch Schwan tröstend die Hand auf die Schulter und flüsterte ihr etwas zu. Jeder im Saal konnte an Schwans resigniertem Kopfschütteln das Ergebnis ablesen. Um 14 Uhr 15 kam Kanzlerin Angela Merkel zu ihrem Platz zurück, zusammen mit ihr ein sehr zufrieden dreinblickender Fraktionschef Volker Kauder. Mit Köhler, der während der Auszählung ins Schloss Bellevue gefahren war, hatte Lammert nach eigenem Bekunden vereinbart, dass er ihm rechtzeitig das Signal zur Rückkehr gibt – und natürlich, auch wenn Lammert das nicht offen sagt, ihn auch über das Ergebnis unterrichtet. Lammert musste freilich längere Zeit vor dem Reichstag warten. Köhler, heißt es, kam im Besucherautostau für das Verfassungsfest nicht so schnell voran wie gedacht.

Die Zahl 613 konnte freilich auch jeder vorab wissen, der auf Ulrich Kelbers Twitter-Liste abonniert ist. Um 14 Uhr 15 verriet der SPD-Abgeordnete über den SMS-Kurzdienst: „Nachzählung bestätigt: 613 Stimmen. Köhler ist gewählt.“ Die CDU-Kollegin Julia Klöckner, Mitglied der Zählkommission, blieb wenig später twitternd nur leicht diskreter: „Leute, Ihr könnt in Ruhe Fussball gucken. Wahlgang hat geklappt!“

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