Politik : Bundestag: Eine Rede hat Folgen

Stephan-Andreas Casdorff

Seine Augen können kalt werden wie Frost, und sein Lächeln, das ewig strahlende, wirkt wie festgefroren. Er zeigt dann nur noch Zähne. In diesen Momenten wird erkennbar, wie es sein kann, wenn Gerhard Schröder sich zu sehr ärgert. Fragen nach Oskar Lafontaine zum Beispiel haben ihn anfangs noch treffen können. Jetzt, nach zwei Regierungsjahren, reagiert er meistens nur noch belustigt oder leise spottend. Fragen nach seiner Familie hingegen, die nimmt der Kanzler nicht so locker hin. Etwa, wenn er auf dem Rückweg von einer Auslandsreise nicht nach Berlin, sondern zu Frau Doris und der Tochter Klara nach Hannover will und der Fragesteller irgendwas von Kosten murmelt. Das klingt, als solle der Kanzler sich rechtfertigen - Schröder hört flugs heraus, was gemeint ist. Doch was die Familie betrifft, da versteht er keinen Spaß. Im Gegenteil. Und das wird auch Friedrich Merz noch verfolgen.

Es war in der Haushaltsdebatte des Bundestages, der so genannten Generalabrechnung: "Schämen sollten Sie sich!" Das Protokoll der Sitzung verzeichnet diesen Satz als Zuruf von Gerhard Schröder, Bundeskanzler. Das ist unüblich von der Regierungsbank, aber der vorangegangene Angriff auf ihn ist es ja auch. Unionsfraktionschef Friedrich Merz hat soeben Schröders Stiefbruder Lothar Vosseler in die Debatte hineingezogen - zum Vergnügen der eigenen Leute. Vosseler lebt als Kanalarbeiter im Rheinland, und die in Köln erscheinende Boulevard-Zeitung "Express" lässt ihn öfters an den "Großen" schreiben. Merz hat ihn zitiert, um die "Benzinwut" auf einem Umweg anzuheizen: Der Trittin, der spinne. Es sei ja wirklich nicht mehr zum Aushalten mit diesem Öko-Minister, schreibt Vosseler. "Es wird Zeit, dass ich das mal dem Gerd sage."

Das Protokoll gibt nur die Worte wieder, nicht die Mienen. Das sind die Worte: "Sie sind ein unverschämter Lümmel", ist SPD-Fraktionschef Peter Struck deutlich zu vernehmen. Er sieht wütend aus. Schröder selbst versucht zunächst, mit Maßen belustigt, aber ganz Kanzler, in leichtem Ton einzugreifen. Als Merz sagt, er habe den Bruder gelesen, ruft Schröder dazwischen: "Das müssen Sie machen! Das ist sehr schön!" Dann aber, als Merz nicht innehalten will, wird der Kanzler weiß im Gesicht und seine Miene steinern. Er schweigt. Er regt sich nicht mehr. Seine Miene und seine Haltung zeigen: Abscheu.

Bisher war es so, dass sich Kanzler und Oppositionsführer mit Respekt behandelt haben. Das gehörte stets zu den guten Sitten. Diese beiden müssen zum Wohle des Landes in großen Fragen manchmal auch vertraulich miteinander sprechen, der eine, der das Staatsamt hat, der andere, der es vielleicht gerne hätte. Die Charaktere mögen höchst unterschiedlich sein, so wie zum Beispiel zwischen Helmut Kohl und Hans-Jochen Vogel, sie müssen einander auch nicht mögen - aber sie sollten einander nicht den Respekt versagen, erst recht nicht den vor der privaten Sphäre. Dazu zählt bei Schröder auch der unbedarfte Stiefbruder, der Bruder aus Zufall.

Gerade hat Schröder noch einmal auf den Zwischenfall unversöhnlich reagiert. Es war bei der Vorstellung der Werkausgabe zu Willy Brandts Leben: Die Protokollanten der Kanzlerrede zu diesem Anlass verzeichnen, dass er sie zu einer Abrechnung nutzt, auch in eigener Sache, sehr persönlich. "Größe und Anstand von CDU/CSU-Politikern" stellt Schröder in Frage und fügt hinzu, die "bösartigen, verleumderischen und ehrabschneidenden" Attacken von damals wollten heute offenbar manche fortsetzen. "Erbärmlich" ist das aus seiner Sicht - und dieses Wort ist das Signal des Kanzlers an den Chef der größten Oppositionsfraktion: Er verzeiht ihm den Fehltritt nicht.

Und wie reagiert Friedrich Merz? Dass Schröder ihm die Sache mit dem Zitat des Stiefbruders nachtrage, ja, dass er jetzt für den Kanzler als Mensch "gestorben" sein könnte, verunsichert ihn nicht. Schon vorher sei sein Verhältnis zu Schröder nicht das beste gewesen, sagt Merz. Er sagt es lächelnd, freundlich und damit in einer Weise, die gar nicht zu den harten Sätzen passt. Das sind vielleicht die neuen Sitten. Doch diese Sache wird ihn noch verfolgen.

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