• Bundestagspräsident Thierse sorgt sich um die Solidarität in der Gesellschaft: Religion ist keine Privatsache

Politik : Bundestagspräsident Thierse sorgt sich um die Solidarität in der Gesellschaft: Religion ist keine Privatsache

Alexander Pajevic

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat sich für die Beibehaltung der Rolle der christlichen Kirchen als Wertevermittler ausgesprochen. Auf einer Veranstaltung des Berliner Vereins "Kritische Katholiken" sagte er, die Politik brauche die Kirche. Christliche Werte seien auch in einer säkularisierten Gesellschaft nicht überholt. Die Kirche habe zwar keinen politischen Auftrag im engeren Sinne, sagte Thierse, der auch Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken ist. Sie wirke aber für das Gemeinwohl in die gesamte Gesellschaft hinein, da christlicher Glauben immer auch Handeln bedeute: "Religion ist keine Privatsache und kann es nicht ein."

Politik sei zwar zu religiöser Neutralität verpflichtet, sie könne aber nicht allein für das ethische Fundament der Gesellschaft sorgen, sagte Thierse und äußerte seine Besorgnis darüber, dass die Politik der ökonomischen Entwicklung hinterherhinke. Es gebe eine "unglaubliche Diskrepanz" zwischen der Geschwindigkeit politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsfindung. Die Globalisierung führte in der Bevölkerung zu einem "diffusen Gefühl des Ungenügens demokratischer Politik".

Die am Gemeinwohl interessierten Kräfte müssten gestärkt werden, sagte Thierse und erinnerte daran, dass auch der lange Zeit für die bundesdeutsche Gesellschaft prägenden sozialen Marktwirtschaft ein Grundverständnis von Solidarität zugrunde gelegen hätte. Wiewohl der Sozialstaat - Thierse bezeichnet diesen als "große europäische Kulturleistung" - der Reform bedürfe, müsse sein Kern von organisierter Solidarität bleiben. Gerechtigkeit und Solidarität seien keine Resultate des Marktes.

Thierse sprach sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich für den arbeitsfreien Sonntag wie auch für die Einführung eines Wahlpflichtsfaches Religion in Berliner Schulen aus, wobei der Religionsfreiheit wegen auch die Wahl von Philosophie und Ethik möglich sein müsse. Er erwähnte auf der Veranstaltung auch die Spendenaffäre der CDU und verwahrte sich gegen die Behauptung, dass es eine Krise der Demokratie gäbe.

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