Bundestagswahl 2013 : Peer Steinbrück startet in die heiße Wahlkampfphase

Noch sechs Wochen bis zur Wahl: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück legt jetzt richtig los – sogar die Kavallerie wird wieder gesattelt.

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Locker unters Volk. Die SPD präsentiert ihren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück als lässigen Redner.
Locker unters Volk. Die SPD präsentiert ihren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück als lässigen Redner.Foto: dpa

Kaum hat der Kandidat wieder sicheren Boden unter den Füßen, erinnert er sich an ein Schreckerlebnis. Peer Steinbrück ist auf Wahlkampftour im Norden und hat bei der Lufthansa Technik AG am Rande des Hamburger Flughafens gerade das neueste Jumbo-Jet-Modell vom Typ 747-8 besichtigt, hat sich ins Cockpit gesetzt, die Hände auf die Steuerhebel gelegt und Kapitän gespielt. Die ganz große politische Maschine fliegen, das ist sein Ziel. Nun steht er mit den Lufthansa-Managern neben dem Bauch des Riesenflugzeugs mit seinen Triebwerken, die so groß sind wie VW-Busse, und erzählt, wie er einmal in einem Flugsimulator mit Sturm, Regen und technischen Problemen an den Tragflächen fertig werden musste: „Die haben plötzlich Krisenmomente da reingespielt“, sagt er. „Ich habe vollkommen vergessen, dass ich im Simulator sitze.“

Hundert Termine warten auf ihn

Dass er in der wirklichen, der politischen Welt trotz aller Widrigkeiten nicht mehr im Simulator sitzt, das weiß der ehemalige Bundesfinanzminister sechs Wochen vor dem 22. September genau. In wenigen Tagen, so will es die SPD-Regie, soll die heiße Phase des Wahlkampfes starten. Dann soll der Kandidat endlich abheben vom Umfrageboden und Luft gewinnen. Rund hundert Wahlkampftermine warten auf ihn. Am Donnerstagabend war es der Wahlkampfauftakt der Hamburger SPD. In einem Park unterhalb des „Michels“, des Wahrzeichens der Stadt, probieren die Sozialdemokraten und ihr Kandidat eine neue Form von Ansprache aus, die den Personenschützern vom Bundeskriminalamt wahrscheinlich Bauchschmerzen bereitet: Der Kandidat redet nicht frontal von oben herab von einer abgesperrten Bühne, sondern steht auf einem runden Podium in einem runden Zelt, das nach allen Seiten offen ist. Beim nächsten Termin, am 20. August in Bonn, soll dann auch noch das Publikum mitreden dürfen.

An diesem Abend funktioniert das Konzept. Der gebürtige Hanseat wird gleich zu Beginn emotional („als Sohn dieser Stadt ist es ein berührendes Gefühl, dass ich hier auftreten darf“) und wandert dann, das Mikrofon in der Hand, in direktem Augenkontakt mit dem Publikum 45 Minuten frei redend und immer eindringlicher gestikulierend auf dem roten Podium hin und her.

Mindestlohn und Mietenbremse

Ständig ändert er in seinem Ring die Richtung, doch die Argumentation ist geradlinig, wie man am Beifall des Publikums merkt. Die rund 2500 Zuhörer klatschen, wenn Steinbrück der Regierung Merkel Versagen vorhält („noch 45 Tage, und wir sind die los“). Sie klatschen, wenn er seine Wahlkampfrenner Mindestlohn und Mietenbremse ausbreitet. Und sie klatschen sogar, als er ihnen droht, dass sie als Steuerzahler zur Rettung Europas künftig noch mehr Geld werden aufbringen müssen.

Am heftigsten aber ist der Beifall, als der Kandidat unter Anspielung auf einen diplomatischen Zwischenfall aus seiner Zeit als Finanzminister ein Versprechen abgibt: „Ich habe kein Problem, als Bundeskanzler die Kavallerie zu satteln, um Steuerbetrug und Steuerhinterziehung zu beenden.“ Überhaupt scheint der Wahlkämpfer an seiner Rhetorik gearbeitet zu haben. „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, ruft er und variiert diese Aussage dann häufig: „Mit mir als Bundeskanzler wird es klare Entscheidungen geben.“

Die NSA-Affäre fehlt in der Rede

Ein Thema, das die SPD seit Wochen massiv vorantreibt, fehlt allerdings, nämlich die Spähaffäre um den US-Geheimdienst NSA. Noch am Montag hatten Mitglieder des Parteivorstandes darüber geredet, dass der Lauschangriff des großen Bruders dem SPD-Wahlkampf wichtige Impulse geben könnte. Zum einen, weil in den Augen der Wähler das Bild der unbedingt vertrauenswürdigen Kanzlerin erschüttert sei, zum anderen, weil die SPD-Wahlkämpfer in der Auseinandersetzung nun endlich spürten, dass Steinbrück kämpfe und im Regierungslager auch Wirkung erziele. Das Thema Pannenserie sei damit völlig aus dem Blick geraten, hieß es.

Ein wenig scheint diese Zuversicht erschüttert zu sein durch die plötzliche Verve, mit der die Bundesregierung sich Mitte der Woche wehrte und auf Ex-Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und seine Verantwortung verwies. Doch auch ohne Bezug auf die NSA-Affäre beschrieben andere Sozialdemokraten eine Art emotionalen Neustart ihres Kandidaten im Vergleich zu jenen turbulenten Zeiten, da er vor dem Parteikonvent Mitte Juni mehr Loyalität von Parteichef Sigmar Gabriel einforderte und im Gespräch mit seiner Ehefrau dann auf offener Bühne den Tränen nahe war. Inzwischen, so versichern viele, habe Steinbrück aus den positiven Reaktionen seiner Partei neues Selbstbewusstsein geschöpft. Angesichts des weiten Abstands zur Union in den Umfragen dürfte er dies allerdings auch dringend nötig haben.

Wismar und Warnemünde

Der Wahlkämpfer Steinbrück wirkt nun zugleich konzentrierter und gelassener als noch vor wenigen Wochen. Beim Besuch im Tagesspiegel am vergangenen Sonntag allerdings bot er Union und Linkspartei Angriffsfläche, als er über den Zusammenhang von Merkels mangelnder Leidenschaft mit ihrer ostdeutschen Herkunft sprach. Die Angriffe auf ihr angeblich unterbelichtetes Europabild hat er seither wiederholt, die Verknüpfung mit der ostdeutschen Herkunft eher relativiert. Ohnehin hält er das Thema für überschätzt. „Eine dumme Bemerkung von mir, und es geht wieder ab wie Schmitz’ Katze", sagte er dieser Tage dazu.

Nach dem Auftritt in Hamburg besichtigte Steinbrück am Freitag ein Technologiezentrum in Wismar und fährt dann nach Warnemünde. Dort scheint die Sonne, als der Kandidat auf dem Motorschiff „Ostseebad Warnemünde“ durch den Hafen tuckert. In den Gesprächen mit den vielen ostdeutschen Urlaubern geht es da etwa um die Angleichung der Ostrenten. Nach seinen Thesen zu Europaleidenschaft und DDR-Sozialisation wird Steinbrück nicht einmal gefragt.

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