Bundestagswahl 2017 : Kein Platz für die Jungen

Nur 2,3 Prozent der Parlamentarier sind unter 30. Mehr junge Politiker wollen ein Mandat und kämpfen um ihre Chance. Was treibt sie an?

Laura Weigele, Philipp Schaffranek
Nur 2,3 Prozent der Abgeordneten im Bundestag sind unter 30.
Nur 2,3 Prozent der Abgeordneten im Bundestag sind unter 30.Foto: Jensen/ dpa

Alexander Zink kommt aus dem oberfränkischen Münchberg. Einer vom Land. Er weiß, was die Menschen dort beschäftigt, kennt die Wünsche der Generation unter 30. Zink ist selbst erst 25. Deshalb hatte er mit der Jungen Union eine Idee, wie er in seiner Heimat ein Problem lösen kann, mit dem die Jugend auf dem Land an jedem Wochenende zu kämpfen hat. Gemeinsam etablierten sie einen Nachtbus, der junge Menschen zu Partys bringt und zu Volksfesten und der sie dort wieder abholt.

Am Wochenende halten die Busse sonst nicht einmal stündlich. Nach fünf kommt man aus der Stadt kaum noch weg. Jetzt kandidiert Zink für den Deutschen Bundestag, als jüngster Kandidat der CSU steht er auf Listenplatz 41. Nicht sehr aussichtsreich, aber es ist ihm trotzdem einen Versuch wert.

Mit Mitte 20 wäre Zink im Bundestag ein Exot. Kurz nach der Wahl im Jahr 2013 lag das Durchschnittsalter der Abgeordneten bei 49,7 Jahren. Und bei der anstehenden Wahl wird sich nicht viel ändern: Für die sieben Parteien mit einer realistischen Chance in den Bundestag einzuziehen, treten 2516 Kandidaten an. Von diesen sind lediglich 268 jünger als 30 – gerade einmal jeder Zehnte. Zum Vergleich: 422 sind älter als 60. Und: Immer weniger junge Menschen engagieren sich in Parteien. Bereits 2015 stellte eine Shell-Jugendstudie fest, dass zwar das Interesse der Jugendlichen an der Politik insgesamt steigt, nicht aber das an den parlamentarischen Interessenvertretern.

Foto: null

„Parteien haben eine Tendenz zur Überalterung“, sagt der Politikwissenschaftler Stefan Marschall. „Sie müssen sich überlegen, ob sie nicht gezielt junge Menschen aufstellen. Wenn es nur darum geht, dass man sich lange in einer Partei verdient gemacht hat, haben junge Menschen kaum eine Chance auf aussichtsreiche Plätze.“ Nur wenige von ihnen versuchen es trotzdem. Obwohl sie kaum eine Chance haben, es wirklich ins Parlament zu schaffen. Sie bekommen aussichtslose Listenplätze und kämpfen um hoffnungslose Direktmandate. Sie arbeiten in ihren Parteien neben Studium, Abitur und Ausbildung. Und manche der jüngsten Kandidaten dürfen in diesem Jahr zum Teil selbst erstmals einen Bundestag wählen, für den sie kandidieren.

Der Jüngste unter den Jungen ist Diyar Agu. Er kandidiert für die Linke, die insgesamt die meisten jungen Kandidaten ins Rennen schickt. 58 von ihnen sind unter 30. Agu ist erst vor einer Woche 18 geworden, er tritt in Gummersbach in Nordrhein-Westfalen als Direktkandidat an. „Ich habe früh erlebt, dass die Art, wie wir leben, nicht selbstverständlich ist.“ Seine Eltern sind Kurden. Sie kommen aus dem Südosten der Türkei.

2013, vor der vergangenen Bundestagswahl, habe Agu sich die verschiedenen Parteien genau angeschaut. Damals war er 13. Er surft im Internet, dort stößt er auf Gregor. So nennt er Gregor Gysi, wenn er über ihn spricht. Dessen Reden haben es ihm angetan. „Wenn ich Gregor reden hörte, dann habe ich ihn verstanden.“ Es waren nicht die Parteiprogramme, die ihn überzeugten, sondern eine einzelne Person.

Diyar Agu kandidiert für die Linke.
Diyar Agu kandidiert für die Linke.Foto: Privat

Typisch für die junge Generation. „Wahlen und Parteien, wie sie jetzt sind, passen nicht zu den Vorstellungen der jungen Generation“, sagt Ana-Marija Cvitic von der Initiative „Demokratie braucht dich“, die junge Menschen zum Wählen animieren will und dafür durch ganz Deutschland tourt. Ihre These lautet, dass die festen Strukturen und starren Hierarchien in den Parteien abschreckend wirken. Politikwissenschaftler Marschall teilt diese Einschätzung: „Für junge Menschen ist die Parteimitgliedschaft zunehmend unattraktiv geworden, weil sie sich nicht fest binden möchten.“ Um sie zu gewinnen, müssten Parteien spontaner und unverbindlicher werden. Es wird weniger attraktiv, zunächst die komplette Ochsentour durch Orts- und Kreisverbände durchlaufen zu müssen, bevor man bundespolitisch mitreden kann.

Was das angeht, ist Moritz Moser die Ausnahme unter den Ausnahmen. Nicht die Innovationskraft, sondern die lange Vergangenheit der Sozialdemokraten brachte den 20-Jährigen zur SPD. „Die Partei hat mich schon immer fasziniert, auch wegen ihrer großen Historie“, sagt er, der auf Platz 14 der Landesliste im Saarland steht. Einfach dasitzen und sich beschweren könne jeder, sagt Moser, „aber man kann nicht darauf warten, dass andere diese Probleme lösen“.

Moritz Moser kandidiert für die SPD.
Moritz Moser kandidiert für die SPD.Foto: nPrivat
» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

8 Kommentare

Neuester Kommentar