AfD-Wähler heißen jetzt "Abgehängte". Aber viele waren nie angekoppelt

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Bundestagswahl : Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?
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Pegida-Anhängerin Renate Sandvoß zieht aus dem Schwarzwald nach Meißen. Im Westen sind die Menschen ihr "zu abgelenkt".
Pegida-Anhängerin Renate Sandvoß zieht aus dem Schwarzwald nach Meißen. Im Westen sind die Menschen ihr "zu abgelenkt".Foto: imago/xcitepress

Die Straße aus Dorfchemnitz heraus knallt einem jetzt wirklich in den Rücken. Man könnte denken, das alles ist 27 Jahre her, bald eine Generation. Aber während aus dem Westen immer die viele Farbe gelobt wird, kommt es ihnen im Osten vor, als sei ein grundsätzlicher Schaden nur übertüncht worden. Vielleicht hat dieses Gefühl dazu geführt, dass die Identifikation mit „dem Staat“, dem neuen, dann nie so weit ging, wie sie hätte gehen müssen. Sie haben gar nicht das Gefühl, mit ihrer übermütigen Protestwählerei etwas Wertvolles zu verspielen. Und plötzlich sieht man den Riss. Im Radio diskutiert man den Wahlausgang in Dauerschleife. AfD-Wähler heißen jetzt „Abgehängte“. Aber womöglich waren viele noch nie richtig angekoppelt.

Sie reden über den Staat, als seien sie gar nicht Teil davon. Ja, ja, die schmucken Häuser hier, die seien Privatinitiative, aber was mache der Staat? hatte Bürgermeister Schurig gefragt. Als wären schmucke Häuser ohne staatliche Bedingungen zu haben. Ein Erzählmuster aus der DDR ist zurück: Das persönliche Glück kommt aus Selbsthilfe im Mangel! Gegen den Staat, nicht mit ihm.

Viele haben ja in der DDR gelernt, zum Staat einen gesunden Abstand zu halten. Für diesen kritischen Abstand sind sie einmal sehr gelobt worden. Ist es möglich, dass ein Staat wechselt, aber die Art der Beziehung an sich die gleiche bleibt? Es scheint wie eine tragische Wiederholung von Mustern: Die „Bonzen“ heißen jetzt „Eliten“. Die Regierung erklärt das Land zu einem Raum, in dem alle „gut und gerne leben“, obwohl es sich ganz anders anfühlt.

Und obwohl das neue System eine Demokratie ist, in der jeder sich beteiligen und einen Unterschied machen soll, haben sie die Distanz bewahrt. Eine echte Aneignung, scheint es, hat gar nicht stattgefunden.

Es ist auch eine Demütigung, wenn man immer nur Geld bekommt

Vielleicht haben sie deshalb nicht die Institutionen gekapert und die Rathäuser besetzt. Vielleicht haben viele auch resigniert, nachdem ihnen wieder jemand aus dem Westen vorgesetzt wurde. Sie waren möglicherweise viel zu lange keine Gesprächspartner auf Augenhöhe, sondern bloß ein jungfräulicher Absatzmarkt für die Vertreter von Autos, Versicherungspolicen, kommunalen Entsorgungsnetzen oder Zeitschriftenabos, um das ganze „System“ nicht auf Dauer als Demütigung zu empfinden. Es ist auch eine Demütigung, wenn man nach Anerkennung ruft und immer nur Geld bekommt. Jetzt haben die Unerhörten mit demokratischen Mitteln Erkenntnisse erzwungen.

Diese ruckelige Straße mag lächerlich sein. Es mag noch lächerlicher sein, daran eine Wahl aufzuhängen, als gebe es keine größeren Probleme. Aber wenn man hier lebt, versetzt sie einem immer wieder einen Stoß. Jeder Stoß ein Denkanstoß.

Es gibt zwei deutsche Arten, auf diese Straße zu reagieren. Entweder man ist stolz auf die deutsche Kunst, sich mit ausgefeilter Technik systematisch Unbehagen vom Leib zu halten, bis man die Übel der Welt nicht mehr persönlich wahrnehmen muss. Dann lobt man seine Einzelradaufhängung und Deutschland ist ein Land, in dem man gut und gerne Auto fährt. Oder man kriegt nicht aus dem Kopf, dass dieser Weg seit der Wende nur provisorisch geflickt wurde. Wer Stöße in den Rücken 27 Jahre persönlich nimmt, zweifelt irgendwann am gesamten System.

Wälder. Holzhäuser. Handwerker. Idyll. Das Teerband schlängelt sich schwarz durch die sächsische Landschaft. Rot-gold verfärbt sich darüber das Laub. Ist das eines dieser deutschen Paradiese, die keine sind? In Dresden, wo die Hotelzimmer an Montagen günstiger sind, hat jedenfalls die malerische Sandsteinkulisse durch die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen nachhaltig gelitten.

Und weil auch auf einen Wahlsonntag ein Montag folgt, trifft sich vor der Frauenkirche in Dresden wie jede Woche seit bald drei Jahren Pegida, ohne die es keine Mehrheit für die AfD in Sachsen und auch die vielen Sitze im Bundestag nicht gäbe. Hinter einem Gürtel Staatsgewalt lärmen und pfeifen die Gegendemonstranten. Sie tun ihr Bestes, wenigstens ein steter Tinnitus im Ohr der Rechten zu sein.

Nie ohne Perücke zu Pegida

Es hätte die größte Wahlparty in Deutschland werden können, wie man in Dresden auch befürchtet hat. Aber die Kernkompetenz von Pegida ist ja, das Gefühl des Zukurzgekommenen, Übervorteilten zu pflegen. Und so sind die, die man die Enttäuschten nennt, am Abend ihres Triumphes schon wieder enttäuscht: Es kam niemand von der AfD, um sich bei ihnen zu bedanken! Wo sie doch den Boden bereitet haben. So brüllen sie „Merkel muss weg“. Und weil Frauke Petry soeben aus der Fraktion ausgetreten ist, weil die zu völkisch rede, brüllen sie auch: „Petry muss weg.“ Weg, weg, weg.

Und dann tritt Renate Sandvoß ans Mikrofon. Man kennt sie hier als Rednerin, die das schlechte Benehmen von Ausländern beschwört und jetzt prophezeit, Pegida werde mit der AfdD nun wachsen. Sie habe, sagt sie, noch eine gute Nachricht. „Ich ziehe um.“ Sie verlasse den Schwarzwald und ziehe nach Meißen. Eine Wohnung habe sie schon. Frenetischer Applaus.

Es dämmert schon. Die Pegida-Anhänger machen ihre Runde durch die Stadt. Sandvoß steht noch neben der Bühne. Das mit dem Osten muss sie erklären. Warum lebt es sich da als Pegida-Anhänger besser? Es sei, sagt sie, eine Frage des Lebensstils. Im Westen seien die Leute zu beschäftigt und abgelenkt, um sich auf Familie und Freunde zu konzentrieren. Sie habe, sagt sie, 35 Jahre in Hamburg gewohnt, dann auf Sylt, bis sie, die eine Galerie hatte, ihre schmuckbehangenen Kunden nicht mehr sehen konnte. Sie wollte Bäume sehen und Facebook-Bekannte lockten sie in den Schwarzwald. Doch leider stünden die Leute dort ganz ungut unter dem Einfluss der Medien. Und dann das Gerede von den Abgehängten! „Wenn Sie wüssten, was meine Bekannten für Geld haben“, sagt Sandvoß. „Einer hat ein Autohaus, ein anderer wohnt in einem Schloss.“

Die Frau des Autohausbesitzers komme allerdings nie ohne Perücke zur Pegida-Demo. Sie hat Angst, dass, wenn sie erkannt wird, der Umsatz einbricht.

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