Bundestagswahl : Boom der Parteilosen: 23 Bürger stellen sich zur Wahl

Noch nie gab es in Berlin so viele unabhängige Kandidaten. Sie haben kaum Chancen, viel Idealismus und ein Hauptziel: mehr Demokratie.

Thomas Loy
299137_3_xio-fcmsimage-20090909220138-006003-4aa809a2e6471.heprodimagesfotos83120090910wahl004.jpg
Sie wollen es wissen. Sechs der insgesamt 23 unabhängigen Berliner Kandidaten, die zur Bundestagswahl am 27. September antreten:...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Sie sind jung – manche auch etwas älter. Sie sind männlich, mit einer Ausnahme. Vor allem sind sie unabhängig und eher chancenlos. 23 parteilose Berliner bewerben sich um ein Direktmandat im Bundestag – so viele wie noch nie. Der bisherige Rekord lag bei zehn im Wahljahr 1998. Grund für den Boom ist auch ein neues Portal im Internet. Allein zehn Kandidaten gehören zum „Willi-Weise-Projekt“, das mehr direkte Demokratie über Volksbegehren erreichen will.

Da ist zum Beispiel Oliver Snelinski aus Lichtenberg, Vorsitzender des Vereins „Das Volk will was“. Er möchte die Bürger zu eigenem Engagement bewegen, anstatt dass sie sich von Wahlprogrammen bevormunden lassen. Um seinen Wahlkampf und die Vereinsarbeit zu finanzieren, hat der 29-jährige Lehramtsstudent seine Lebensversicherung aufgelöst. Warum er so etwas macht? „Idealismus.“

Snelinski hat noch andere ungewöhnliche Ideen. Er wirbt um Stimmen mit dem Versprechen, eine mögliche Wahlkampfkostenrückerstattung komplett für Vereine und soziale Träger in seinem Bezirk zu spenden. Bei einem Stimmenanteil von 50 Prozent in seinem Wahlkreis kämen etwa 280 000 Euro zusammen. Das sollte doch Anreiz genug sein, ihn zu wählen, erklärt der Kandidat. Ob das nun unseriös ist oder gar Stimmenkauf, sollen andere entscheiden. Snelinski findet es zumindest nicht unseriöser als die Wahlpropaganda der etablierten Parteien.

Der jüngste Kandidat ist mit 19 Jahren Enno Munzel aus Steglitz-Zehlendorf. Sein Entschluss zu kandidieren, reifte, als bei der letzten Bundestagswahl alle Direktkandidaten der Parteien zusätzlich über ihre Landeslisten abgesichert, ihre Erststimmen damit „verschwendet“ waren. Munzel – wie die meisten unabhängigen Kandidaten – möchte die Erststimme vom Zugriff durch die Parteien befreien. Nur „unabhängige Persönlichkeiten“ sollten per Direktmandat in den Bundestag einziehen.

Holger Brandt, 20, ebenfalls Abiturient, hatte keine Ahnung, welche Partei er nun künftig wählen soll, also entschied er, selbst anzutreten. Mehr Selbst- und Mitbestimmung ist auch sein Hauptanliegen. Also öfter mal das Volk befragen als nur immer den Fraktionsvorsitzenden. Brandt hat sich in Marburg für Sozialwissenschaften eingeschrieben, da bietet die politische Arbeit einen guten Praxisbezug. Er tritt übrigens in Pankow an. Sein Slogan: „Wahlfreude – jetzt auch für Nichtwähler.“

Die meisten Unabhängigen möchten sich an keine konkreten Aussagen binden – bis auf Ralph Boes aus Mitte, 52 Jahre alt, von Beruf „Dozent für Geistesschulung“. Boes wirbt massiv für ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ von 1000 Euro für alle. Sein Hauptargument sind die „schlechten Arbeitsbedingungen“ in vielen Unternehmen. Wenn niemand mehr arbeiten müsse, wegen der 1000 Euro, würde sich das schlagartig ändern. „Dann müssen die Unternehmer um Arbeitnehmer werben.“

In Spandau tritt Titus-Ivo Kate an. Der 57-Jährige betreibt ein Büro für Lohn- und Gehaltsabrechnungen und kam über das Willi-Weise-Projekt (www.williweise.de) auf die Idee, selbst aktiv zu werden. Ähnlich erging es Sven Buchmann, 30, Einzelhandelskaufmann aus Neukölln. Er ist beruflich in einer „kreativen Pause“, da fiel ihm ein, er könne ja auch Politik machen.

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