"Die denken nur an Deutsche. Wir an Menschen."

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Bundestagswahl : Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?
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In den großen Städten prallt vieles aufeinander. Am meisten vielleicht in der Leipziger Eisenbahnstraße.
In den großen Städten prallt vieles aufeinander. Am meisten vielleicht in der Leipziger Eisenbahnstraße.Foto: picture alliance / Sebastian Wil

Hinter Transparenten des Protests lehnt Jörg Schmidt an der Motorhaube eines weißen Lieferwagens. Er ist Teil der Gegendemo. Seit Jahren. Er ist auch selbstständiger Unternehmer, Brand- und Wasserschadensanierung. Und von einem Schaden muss nach dieser Wahl wirklich gesprochen werden, denn sonst besteht die Gefahr, dass all die aufgekratzten Protestwähler das echte Problem überdecken.

Wer jetzt vom Ausgang der Wahl überrascht ist, habe Jahre nicht hingeschaut, findet er. Echte rechte Tendenzen, Rassismus und Gewalt hat es im Osten schon seit der Wende gegeben. Auch er war damals auf den Montagsdemos. Schon ab Oktober 1989 hätten die „Wir sind das Volk“-Rufe einen seltsamen Beiklang bekommen. Da dachte man noch, totschweigen hilft. Aber die Asylbewerberheime brannten und tot waren am Ende die Opfer der NSU.

Viele Rechte seien ja auch sozial eingestellt, sagt Schmidt, „aber die denken nur an Deutsche. Wir an Menschen“. Das Problem: Selbst wenn ein stramm Konservativer und ein Linker mit komischen Haarschnitten das möglicherweise beide wollen - wo sollen die sich jemals treffen? Im Westen begegneten die sich vielleicht noch in den Kirchen, aber die sind im Osten nicht gut besucht. Sein Umfeld bestehe „eher aus den besorgten Bürgern“. Gleichgesinnte hat er erst über Facebook entdeckt.

Genau die gleichen Leute aus den Jugendclubs von Riesa damals trifft er jetzt hier bei Pegida persönlich wieder, um 25 Jahre gealtert. Das ist keine Meinung, sondern eine Beobachtung. Jörg Schmidt, seit Jahren hält er dagegen, ist in einem Netzwerk, das Flüchtlingen hilft. Nach Feierabend fährt er Gebrauchtmöbel in ihre Wohnungen. Er ist mit Bekannten dabei, wenn die Rechten sich um Dresden und Freital in den kleinen Orten versammelten. Er hat auf Facebook und Twitter darüber berichtet, sonst hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert, bis in die Städte vorgedrungen wäre, dass Verdrängen nichts löst.

Stumpf ist Trumpf

In den Städten fällt es ja eher auf, wenn Dinge außer Proportion geraten. Da prallen viele Meinungen direkt aufeinander, manchmal in einer einzigen Straße. In Leipzig, der einzigen „roten Insel“ im Osten, ist das die Eisenbahnstraße, die wegen ihrer Kriminalität schon das Chicago des Ostens genannt wurde.

Leipzig ist des Ostens Boomtown, aber Boomtown bröckelt ab in Richtung Eisenbahnstraße. Irgendwann gibt es nur noch Geschäftsideen für menschliche Schwächen: Ein überdimensioniertes Fachgeschäft für E-Zigaretten, ein Spielcasino, eine Fahrschule „zum Abbau von Punkten“. Östlich der „Bagel Brothers“ und „Coffee Fellows“ in der Innenstadt liegt die Straße mit ihrem wilden Mix aus Telefonläden, arabischen und seit einigen Jahren auch hippen Cafés. Es ist das Gegenteil des ländlichen Idylls. Statt Angst vor Ausländern gibt es hier einfach Ausländer. Gegenüber dem neongrellen Imbiss „Damaskus“ liegt das gedimmte „Vary“ mit Musik, Kaffee, Kunst und Gästen wie gecastet. Die Musikerin Sofie Heinz - Künstlername Babsi Beton - kommt her, weil es hier quasi unmöglich ist, schlechte Platten zu kaufen.

„Stumpf ist Trumpf“ - der Trend zeige sich ja weltweit und bis in die höchsten Ämter. Am Bedrohlichsten aber, sagt sie, sind gar nicht die extremen Überzeugungen selbst, sondern wenn zwischen den Menschen das Schweigen beginnt. Sie ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, als einige Jungs aus ihrer Stufe, mit denen sie befreundet war, Salafisten geworden sind. Schlimm war nicht, als sie ihr den Koran in die Hand drückten, sondern als sie zu reden aufhörten. „Da verliert man den Kontakt.“ Dann gebe es nur noch die und wir.

In der Leipziger Eisenbahnstraße begegne sie Rechten ja nicht so häufig, aber im Sommer kam ihr eine Gruppe an der Kirche entgegen, die ausgerechnet mit einem Farbigen durch die Straßen zog. „Sieg,“ brüllte der. „Heil,“ brüllten die anderen. Prügeln kommt jetzt nicht infrage, dachte die 25-Jährige, da fehlte ihr die Statur. Aber so stehen lassen wollte sie es auch nicht.

„Euer Freund da, der hat aber eindeutig die falschen Pigmente“, sagte sie frech. Erst haben sie noch abgewehrt, sich lustig gemacht: Der wohne bei ihnen im Keller. Als Sklave. Dann erzählten sie, dass sie ihn kennengelernt haben, weil er ein T-Shirt trug mit der Aufschrift: Ich hasse meine Hautfarbe. „Wenn man weiß, wer der Feind ist, dann hat der Tag Struktur“, sagte Sofie Heinz. Da lachten sie verunsichert und begannen zu reden. Es hilft, Erwartungen zu enttäuschen. Es geht darum, Fragen zu stellen statt Etiketten zu verteilen.

Kommunikation, sagt sie, ist der Schlüssel. Wer will schon als ein „Abgehängter“ oder „Faschist“ bezeichnet werden? Sie hat sich vorgenommen, immer die Menschen anzusprechen und nicht die Kategorie, in die man sie packt. Und dann müsse man halt gut zuhören.

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