Gegen die braune Brühe kann er nichts tun

Seite 2 von 5
Bundestagswahl : Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?
Bürgermeister Thomas Schurig hätte seinen Gemeindesaal auch an andere Parteien vermietet. Außer der AfD hat keine angefragt.
Bürgermeister Thomas Schurig hätte seinen Gemeindesaal auch an andere Parteien vermietet. Außer der AfD hat keine angefragt.Foto: Deike Diening

Manchmal kriegt Schurig ja Mittel, aber die sind dann zweckgebunden. Eine Zumutung, denn wenn er Geld für die Straßen ausgeben muss, könne er auch nicht verhindern, dass die Brühe in sein Büro laufe. Sein Finger weist nach oben.

In der Tat. Von der Decke arbeitet sich eine braune Brühe langsam zu einem idyllischen Landschaftsbild vor. Offensichtlich ein Wasserschaden, der im Prinzip schnell zu beheben wäre. So wie auch das Wahlergebnis beim nächsten Mal wieder ganz anders aussehen könnte. Schurig grinst. Gleich kommt er mit raus an die frische Luft, er hat noch Termine. Die Dorfchemnitzer hätten ihren Gemeindesaal auch an alle anderen Parteien vermietet, sagt er noch. Aber niemand habe angefragt. „Ich bin sicher, auch alle anderen hätten hier ihre Anhänger gefunden.“

Also hat auch er nun die AfD gewählt? Die Frage hängt ein bisschen in der Luft, dann ist sie irgendwie verweht. „Ich habe die Frage jetzt mal nicht gehört.“ Schurig schlägt seine Autotür zu. Unten im Dorf gluckst jetzt nur noch der Chemnitzbach. War das alles nur ein Streich?

Je mehr Dorfläden schließen, desto weiter muss er fahren

Wie jeden Dienstag kommt am Ufer der rollende Supermarkt zum Stehen, ein Mann im weißen Kittel öffnet die Tür. Der Lieferwagen ist ausgebaut mit Regalen, sogar Körbe zum Herumgehen gibt es. Zwischen Klobürste und Wasserkisten schaut der Händler heraus. Dies sei im Prinzip der Laden seiner Eltern, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestand, aber nach der Wende schließen musste. Seitdem fährt er mit der Ware über die Dörfer. Je mehr Dorfläden schließen, desto weiter muss er fahren.

Er weiß natürlich, dass er soeben in dem Ort mit der höchsten AfD-Wählerschaft gelandet ist. Und ohne großen Anstoß quillt jetzt wie von selbst das eine große, nie mehr aus der Welt zu schaffende Grundübel des Ostens aus ihm heraus. Als wäre es gestern gewesen. Er selbst war damals Teil der Bewegung im Land, die den Boden für die Wende bereitete. „Da standen die meisten anderen noch ängstlich hinter ihren Gardinen.“ Sobald die Luft rein war, hielten die ihre Schilder mit „Wir sind das Volk“ in die Höhe, „da waren die anderen längst im Gefängnis gewesen“. Sie hatten etwas riskiert, ihre Familie, ihren Ruf, „auch ihre Gesundheit“. Doch die Leute, die die weltweit bewunderte, gewaltfreie Revolution bewerkstelligt hatten, haben den folgenden Staat dann nicht selbst gestaltet. Das übernahm der Westen.

„Ich bin ein Linker geworden“, sagt der Händler. Bis ziemlich genau vorgestern war ja die Linke die Protestpartei. Macht bitte 85 Cent für die Flasche Wasser medium.

GroKo, Jamaika oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

65 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben