Nur 56 AfD-Wähler machen in Bornhagen 34,1 Prozent

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Bundestagswahl : Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?
Der parteilose Daniel Herz holte bei der Bürgermeisterwahl in Witzenhausen die meisten Stimmen.
Der parteilose Daniel Herz holte bei der Bürgermeisterwahl in Witzenhausen die meisten Stimmen.promo

Die Landschaft des thüringischen Eichsfeld liegt am Mittwochmittag im Geräusch einer benzinbetriebenen Heckenschere, bis der Gärtner unterhalb der Burgruine Hanstein das zahnige Monster ablegt. Dort hinten, sagt er, war die Zonengrenze. Von Bornhagen aus erahnt man nur die vernarbende Wunde in Form von inzwischen 30 Jahre alten Buchen und Eichen. Man muss schon den geübten Blick des Gärtners haben, um die kleine Delle im Wald überhaupt noch vom Rest unterscheiden zu können.

In Bornhagen haben sie eigentlich keine großen Probleme. Sie haben nur Björn Höcke, der hier wohnt. Zuletzt empfahl Alexander Gauland, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, hier ins Eichsfeld einzuladen, bevor man sie Gott sei Dank in Anatolien entsorgen könne.

Bornhagen hat einen gemütlichen, alten Gasthof, ein Wurstmuseum, aber berühmt ist es für seinen „Zweiburgenblick“. Sieben Jahre hat der Bürgermeister Mario Apel mehrere Meter Akten produziert für die Teilnahme am Dorfverschönerungsprogramm. Jetzt hat er zwei Millionen ergattert, die er ausgeben kann, als Erstes für die Einfahrt zur Feuerwehr, dann kommt ein barrierefreier Eingang zur Kirche. Sie möchten jetzt nicht als rechtes Dorf hingestellt werden, nur wegen Björn Höcke. Es gibt auch ein völlig unauffällig funktionierendes Asylbewerberheim. 56 Menschen, die am Sonntag im Wahlkreis 189 die AfD gewählt haben, würden in Berlin doch glatt untergehen. Von 164 gültigen Stimmen sind es 34,1 Prozent.

Muss man in Deutschland so hinnehmen, dass Frust sich seine Bahn zwangsläufig nach rechts bricht?

Ein paar Kilometer weiter, nur knapp im Westharz, hat ein Mann auf ähnliche Probleme ganz andere Lösungen gefunden. Nur 8,7 Kilometer weiter, jenseits der ehemaligen Grenze, betritt die Alternative für Witzenhausen das Wirtshaus „Pane e Vino“. Es sind knapp zwei euphorische Meter Daniel Herz, die durch die Tür kommen. Herz hat das physische Glück, so lächeln zu können, dass drin scheint, was draufsteht.

Der parteilose Herz, 34 Jahre alt, hatte sich um das Amt des Bürgermeisters in Witzenhausen beworben, und als am Sonntag die Wahl anstand, kam um 19 Uhr 30 zu Hause der Babysitter, dann ging er ins Rathaus. „Da ging das Ding durch die Decke“: 14 von 19 Wahlkreisen gewann er aus dem Stand. 39,3 Prozent. Die seit zwölf Jahren regierende CDU-Bürgermeisterin erhielt elf Prozent weniger. Ein Überraschungssieg wie andernorts von der AfD. Jetzt muss er bloß noch die Stichwahl gewinnen. Wie hat er das gemacht?

"Ich bin Polizist, kommunizieren kann ich"

Die Wähler in Witzenhausen sind ja von exakt den gleichen Problemen frustriert, die auch kleine Gemeinden im Osten haben: Unzufriedenheit mit den Entscheidungen erstarrter Parteien, bröckelnde Infrastruktur. Das örtliche Hallenbad, erst 1975 gebaut, wurde abgerissen. Die Schulen karren ihre Schüler jetzt zum Schwimmunterricht über die Dörfer. Dörfer, in die viele Familien gerne ziehen würden, wenn nur Busse dorthin führen.

Die Lösung suchten die Witzenhausener nicht bei den Rechten, sondern bei Daniel Herz. Der das Gemeinsame betonte. Der sich persönlich reingeschmissen und privat eine beinahe fünfstellige Summe in den Wahlkampf investiert hat. Der im Wahlkampf einfach das gemacht hat, wonach seit Jahren immer alle verlangen: Zuhören. Dann hat er auf Facebook davon berichtet. „Bürgernähe kam sehr gut an.“ Und: „Ich bin Polizist, kommunizieren kann ich.“ Jetzt werfen sie ihm vor, er habe das Rathaus gekapert. „Nur“ mit den jungen Wählern. Aber genau darum geht es: Das sind eben demokratische Mittel. Eine Resteuphorie vom Wahlabend steckt noch in ihm. Fast 40 Prozent! Er war so überrascht wie alle anderen.

Eine ältere Frau umarmt ihn plötzlich von hinten. Ihre Tochter habe extra in Kolumbien Briefwahl beantragt, um ihn wählen zu können.

Herz hat die Mechanismen von Bürgermeisterwahlen nächtelang im Netz studiert - und sie sich dann zunutze gemacht. Er hatte Glück, schon sein Beruf wirkte wie Werbung: Kriminalbeamter, das Thema Sicherheit war damit quasi abgedeckt. Am 8. Oktober ist Stichwahl. Wenn es ihm gelingt, bis dahin die Spannung zu halten, wird er Bürgermeister.

Aber hilft so etwas auch gegen rechte Polemik? Im direkten Vergleich mit scharfzüngigen Populisten?

Schluss mit den Osthilfen. Schluss mit dem Soli.

Frankfurt an der Oder hat ja mit seiner Grenze noch ganz andere Probleme. Aber Martin Patzelt, ein leiser, sehr nachdenklicher Mann, hat das gerade hier bewiesen - und seinen Wahlkreis ausgerechnet gegen Alexander Gauland verteidigt. Er hat es nur wegen der AfD getan.

Eigentlich wollte Martin Patzelt, der früher in der Stadt Oberbürgermeister war und seit 2013 für die CDU im Bundestag ist, mit seinen 70 Jahren bei dieser Bundestagswahl gar nicht noch einmal kandidieren. Als plötzlich hier, im Wahlkreis 63, einer armen Region im Osten an der polnischen Grenze, Alexander Gauland als Direktkandidat antrat, Spitzenkandidat der AfD. „Das hat mir den Kick gegeben“, sagt Patzelt, politisch Gaulands Gegenteil: 2015 hat er mit seiner Familie zwei Flüchtlinge aus Eriträa zu Hause aufgenommen, Unverständnis, Anfeindungen erlebt und Morddrohungen erhalten.

Noch Sonntagmittag, als er im Wahllokal im Feuerwehrhaus seines Heimatdorfes Briesen wählen ging, war er unsicher. Er kennt ja die Leute hier. Tage zuvor hatte er noch im Wahlkreis an ihren Türen geklingelt. Dann bekam er 27,1 Prozent der Erststimmen. Gauland nur 21,9 Prozent. Eines habe er immer bewusst vermieden, erzählt Patzelt. „Ich habe keinen personifizierten Wahlkampf gemacht. Ich habe mich angestrengt, niemals die faschistische Keule zu ziehen. Das bringt nichts.“ Das halte er für grundfalsch, auch jetzt, wo die AfD im Bundestag ist.

Martin Patzelt würde sich mit Babsi Beton aus Leipzig gut verstehen: Der Schlüssel liegt in der Kommunikation.

„Wir haben gegenüber dem Westen einen Minderwertigkeitskomplex. Das war schon zu DDR-Zeiten so“, sagt Patzelt. Nach 1990 seien viele Starke, viele Junge in die alten Länder gegangen. Als er einmal in Heilbronn von früheren Frankfurtern erkannt wurde, habe er gefragt, warum kommt ihr nicht zurück, jetzt, wo es Jobs gebe? Die Antwort lässt ihn seitdem nicht mehr los: „Hier heulen uns die Alten nicht die Ohren voll.“

Früher habe in Ostdeutschland die Linke diese Stimmung aufgefangen, das sei ein Ventil gewesen, sagt Patzelt. Aber seit die Linke mitregiere, habe sich aus der Sicht der Leute nichts geändert. „Da sind viele politisch heimatlos geworden. In diesen Sichtweisen sitzt die Enttäuschung.“

Aber der ehemalige Sozialarbeiter, der zu DDR-Zeiten zwanzig Jahre ein Caritas-Heim für Kinder und Jugendliche leitete, kann dem AfD-Erfolg auch gute Seiten abgewinnen. „Ich denke, die Wut der Leute musste raus. Und das ist sehr gut“, sagt er. „Aus sozialpädagogischer Sicht.“ Mehr denn je ist er davon überzeugt, dass die Milliarden-Subventionierungen Ostdeutschlands zu der mentalen Spaltung beigetragen, die sich in den Landkarten mit den AfD-Wahlergebnissen wieder zeigt. Benachteiligten Regionen in Ost und West könne man auch anders helfen, sagt er. „Je mehr ich darüber nachdenke: Wir müssen uns emanzipieren. Schluss mit den Osthilfen, Schluss mit dem Soli!“ Patzelt denkt das schon ganz lange. Aber nach der Wahl könnte es eine der überraschenderen Lösungen sein.

Mitarbeit: Thorsten Metzner

Dieser Text erschien am 1. Oktober in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegel. Die Bürgermeister-Stichwahl in Witzenhausen am 8.10.2017 konnte Daniel Herz mit 64,9 Prozent für sich entscheiden.

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