Bundestagswahl: Tempelhof-Schöneberg : Zwischen Großstadt und Kleingarten

09.09.2009 00:00 UhrVon Sabine Beikler
298962_0_9cb6c921.jpg Foto: AFP
Der Gasometer ist typisch Schöneberg. - Foto: AFP

Ein Bezirk mit Brüchen: Hier leben Beamte und Alt-68er, Jungunternehmer und Hartz-IV-Empfänger Hier verteidigt eine „gefühlte Schönebergerin“ ihr SPD-Mandat gegen einen Tempelhofer CDU-Mann.

Direkt neben der Trabrennbahn Mariendorf liegt die Seniorenwohnanlage Rosenhof, stilvoll eingerichtet mit Empfangsbereich im Foyer, Sofaecken und hochwertigen Teppichen. 450 gut situierte Damen und Herren leben in dem erstklassigen Haus mit Hotelatmosphäre. Etwa 70 Bewohner warten gespannt an einem Nachmittag auf das Erscheinen der Direktkandidaten in ihrem Wahlkreis: den Herausforderer Jan-Marco Luczak (CDU) und die Mandatsinhaberin Mechthild Rawert (SPD). Freundlich grinst der 33-jährige Jurist auf dem Podium, während der 51-jährigen Diplom-Pädagogin und Bundestagsabgeordneten bei der ersten Frage des Moderators beinahe die Gesichtszüge entgleisen.

„Mechthild“, lange Pause, „Rawert, wie fühlt man sich denn so, wenn man ermüdet und erschöpft nach dem Wahlkampf am Abend nach Hause kommt?“

Die Frage geht nur an sie, aber die frühere erste zentrale Frauenbauftragte der Charité, die mit dem Wort Gleichstellung viel anfangen kann, kontert charmant. „Ich komme eigentlich nicht erschöpft nach Hause, weil ich schon weiß, wofür ich kämpfe, für Vollbeschäftigung als Ziel Nummer eins.“

Bei der Bundestagswahl 2005 siegte Mechthild Rawert mit 34,2 Prozent Erststimmenanteil vor der CDU im bürgerlichen Bezirk Tempelhof-Schöneberg. „Ich habe hier was zu verteidigen – das Mandat“, sagt sie. Denn laut Wahlforschungsinstitut election.de liegt Luczak im Rennen um die Direktkandidatur vorn. Mechthild Rawert lebt seit 1981 in Berlin, sie beschreibt sich „gefühlt als Schönebergerin“.

Schöneberg ist ein typischer heterogener Bezirk im Westteil der Stadt: Rund um Victoria-Luise-Platz, Akazienstraße, Hauptstraße bis nach Friedenau leben viele Akademiker, Lehrer, Architekten, Medienleute, Selbstständige und die schwule Community. Viele sind Zugezogene, die schon vor Mauerfall nach Berlin kamen. Ein bisschen Szene, etwas Alt-68er Flair, das durch die Schöneberger Straßen mit den kleinen Wein-, Klamotten- oder Antiquitätenläden zieht.

Ganz anders Schöneberg-Nord: Ein Ortsteil mit hohem Ausländeranteil, Hartz-IV-Empfängern, sozialem Wohnungsbau und einem erfolgreichen Quartiersmanagement, das zum Beispiel aus dem ehemaligen Sozialpalast, der die Pallasstraße wie einen Balken überbrückt, eine begehrte Wohnanlage geschaffen hat. Sie heißt heute „Pallasseum“, und statt Leerstand gibt es Wartelisten für die 514 Wohnungen.

Schöneberg ist dominiert von SPD- und Grünen-Wählern, die sich wiederum in Tempelhof schwertun. Je weiter südlich es geht, nimmt die Zahl der Einfamilienhäuser zu. Tempelhof hat noch industrielle Strukturen, Unternehmen, die die Wirtschaftskrisen überlebt haben, aber auch junge Unternehmer, die in der Kreativwirtschaft arbeiten und sich wegen der hohen Mieten nicht in Mitte ansiedeln wollen.

Tempelhof, das ist CDU-Hochburg. Jan-Marco Luczak wuchs in Tempelhof auf, engagierte sich in der Jungen Union und ist seit einigen Jahren Vorsitzender der CDU Lichtenrade und stellvertretender Vorsitzender der CDU Tempelhof-Schöneberg. Wie Rawert kennt Luczak die spezifischen Themen seines Wahlkreises: die Dresdner Bahn und der geforderte Tunnel für Lichtenrade, das Nachnutzungskonzept für den Flughafen Tempelhof, der Kampf um die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und die Sicherheit auf den Straßen.

Für die älteren Bewohner in der Seniorenwohnanlage Rosenhof ist das ein sehr wichtiges Thema. Nur „bedingt“ gehe das Konzept der Deeskalation am 1. Mai auf. Auf Steinewerfer, autonome Autozündler und andere Gewalttäter müsse der Staat hart reagieren. Mechthild Rawert, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags, spricht wiederum vom „soildarisch finanzierten Umlagesystem“, von Bürgerversicherung und Arbeitsbelastungen im Pflegebereich.

Sozusagen „außer Konkurrenz“ läuft in dem Bezirk die grüne Direktkandidatin Renate Künast. Die bundesweite Spitzenkandidatin ist auf Platz eins der Landesliste: Ihr ist der Einzug in den Bundestag sicher. Die 53-jährige Juristin und Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag macht bundesweiten Wahlkampf und reist quer durch Deutschland: Heute ist sie erst in Düsseldorf, dann in Oberhausen, abends in Essen. Ihre Mitarbeiter schätzen, dass sie vor der Bundestagswahl auf ein Pensum von bis zu 200 Terminen kommt. Doch Künast kennt sich auch gut aus in ihrem Wahlbezirk: Sie kämpft zum Beispiel für eine innovative Stadtentwicklung auf dem Flughafen Tempelhof, für eine ökologische Modellstadt. Und sie hat ein Herz für Kleingärtner, ist selbst ein großer Gartenfan. Einer ihrer Wünsche ist ein Gewächshaus mit Farnen und einer Kochgelegenheit, um Freunde zu bewirten. Das hat sie vor, wenn sie keine Politik mehr macht. Das wird noch dauern.

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