Bundestagswahl : Willkommen im problemfreien Merkelland

Sieben Wochen vor der Wahl präsentiert die CDU ihre Großplakate und Broschüren. Neben den Themen Arbeit, Familie und Sicherheit geht es vor allem um eins: die Kanzlerin.

Brillant? Zwischen Kult und Blamage liegt ein schmaler Grat. Für den Wahlsieg riskiert die Kanzlerin den Balanceakt.
Brillant? Zwischen Kult und Blamage liegt ein schmaler Grat. Für den Wahlsieg riskiert die Kanzlerin den Balanceakt.Foto: Kay Nietfeld, dpa

Woran erinnert bloß dieses Foto? Angela Merkel schräg von hinten, den Kopf leicht schräg in die Hand gestützt, dazu ein bübisches Lächeln – das ist doch ... genau: So ungefähr in dieser Pose, nur von vorn, ist Helmut Kohl auch schon mal in den Wahlkampf gezogen. „Politik ohne Bart“ stand damals auf dem Plakat, der Gegner hieß Rudolf Scharping, und Kohls spöttisches Augenzwinkern ist dem SPD-Mann gar nicht gut bekommen. Man sollte nicht ausschließen, dass die Macher des Flyers das Motiv bewusst zitieren, mit dem die CDU diesmal ihre Spitzenkandidatin präsentiert. Das Heftchen im Din-A5-Format ist nämlich auch sonst eine raffinierte Frechheit.

Das Sonnenlicht strahlt freundlicher

„Angela Merkel steht für eine bestimmte Haltung“, erläutert CDU-Generalsekretär Peter Tauber, als er am Montag die ersten Werbematerialien für den Wahlkampf vorstellt. Drei große Plakate gehören zur „ersten Welle“. Sie zeigen einen jungen Schreiner, ein junges Paar mit Kleinkind und Polizist und (junge) Polizistin von hinten, was die Themenschwerpunkte Arbeit, Familie und Sicherheit illustrieren soll.

Thematisch deckt sich das praktisch mit den Motiven, die die SPD vorige Woche präsentiert hat. Nur strahlt bei der CDU das Sonnenlicht mit freundlicher Hilfe von Photoshop noch viel gleißender und heller auf die dargestellten Menschen, sodass ein Gedanke an irgendwelche Probleme in diesem christdemokratischen „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ gar nicht erst aufkommen mag. Etwas störend pieksen allenfalls die schwarzen, roten und gelben Dreiecke von unten ins Bild. „Unsere deutschen Farben“, findet Tauber, gehörten da aber hin, schon um sie nicht „den Falschen zu überlassen“.

Klein Angela von 1957

Ja, und dann gibt es eben noch den Merkel-Flyer und den Inhalte-Flyer. Letzterer fasst auf 18 Seiten in Wort, Zahl und Piktogramm Bilanz und Regierungsprogramm von CDU und CSU zusammen. „Boom!“ steht für Wirtschaftswachstum, „Freies Neuland“ für die Abschaffung der W-Lan-Störerhaftung, „0 Euro“ für den Haushalt ohne neue Schulden.

Im Merkel-Flyer ist die Sache noch simpler gehalten. Dort steht Merkel für Merkel. Man sieht also: Merkel in Overalls – wer das nicht auf Anhieb versteht, kann in rund geschwungener Kanzlerinnen-Handschrift die Botschaft lesen: „Eine starke Wirtschaft ermöglicht Wohlstand für alle.“ Dann Merkel mit Brille – Schutzbrille, 3-D-Brille, Schweißerbrille, Irgendwas-Neumodisches-Elektrisches- Brille. Merkel mit dem Franzosen Emmanuel Macron (Küsschen!), dem Kanadier Justin Trudeau und sogar mit Donald Trump, aber der nur am Rand beim G-20-Familienfoto. Merkel mit kleinen Kindern, dazu die kleine Angela (1957, schwarz-weiß, Hemdchen mit Fischlein, süüüß!). Zum Schluss Merkel als Merkel: skeptisch, lächelnd und dazwischen mit einer „Uuummps“-Miene, bei der man denkt, gleich – pardon – muss sie kotzen.

Auflage: Eine Million Exemplare

Zwischen Kult und Blamage liegt ein schmaler Grat. Aber für den Wahlsieg kann man ja schon mal einen Balanceakt riskieren. Aufmerksamkeit ist dem Heftchen jedenfalls sicher, das das Konrad-Adenauer-Haus in erster Auflage mit einer Million Exemplaren verteilt.

Die Merkel-Raute, Kultmotiv des letzten Wahlkampfs, ist darin übrigens nur mit der Lupe zu entdecken, auf den G-20-Gipfelfotos. Und ein sehr zentrales Motiv ihrer letzten vier Regierungsjahre kommt überhaupt nicht vor: Kein Flüchtling, nirgends. Die Themenseite zu „Zusammenhalt“ und „Einheit in Vielfalt“ zeigt bloß Merkel groß mit Freiwilliger Feuerwehr und klein mit Rollstuhl-Oma, Nationaltrikotträger und einem dunkelhäutigen Mädchen, das wahrscheinlich gerade beim Wettbewerb „Jugend forscht“ gewonnen hat. Irgendwo Probleme im Merkelland? Och nöö.

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