Bundestagswahlkampf : Sie können auch anders

Jetzt hängen die Parteien wieder ihre Plakate. Doch so wie im Berliner Wahlkreis Kreuzberg und Friedrichshain sind sie wohl nirgends.

Lars von Törne
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Voller Körpereinsatz. Das umstrittene Plakat der Kreuzberg-Friedrichshainer CDU-Direktkandidatin Vera Lengsfeld. -Foto: CDU

Berlin - Die „CI“ ist schuld. Gefragt, wieso denn auch in diesem Bundestagswahlkampf mal wieder die Plakate fast aller Kandidaten einander so frappierend ähnlich sehen, antwortet eine Wahlkampfmanagerin mit diesen beiden Buchstaben, zeitgemäß auf Englisch ausgesprochen: Die „CI“, die „Corporate Identity“, gebiete es nun mal, dass sich alle Kandidaten dem einheitlichen Format fügen, in dem Optik und Slogans von der Partei vorgegeben sind. Individuell sind da meist nur noch die jeweiligen Porträts – und die werden sich dank Bildbearbeitung am Computer auch immer ähnlicher.

So sieht es bundesweit aus, seitdem am Sonntag die Parteien fristgemäß damit begonnen haben, Plakate aufzuhängen, und auch quer durch Berlin gibt es auch im Wahlkampf 2009 wieder wenig Abwechslung von der Einheitsware. Nur ein Wahlkreis trotzt dem Trend: In Kreuzberg-Friedrichshain-Prenzlauer Berg Ost setzen die Kandidaten für das Direktmandat auf eigenständige Ideen und ein originelles Erscheinungsbild. Das gilt nicht nur für den Grünen-Platzhirsch Hans-Christian Ströbele, der erneut mit einem gezeichneten Pop-Art-Cartoon-Plakat aus der Feder des Comiczeichners Gerhard Seyfried wirbt.

Die Wahlplakate von SPD, CDU und Linker
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Auch SPD-Mann Björn Böhning, die Linken-Politikerin Halina Wawzyniak und die CDU-Kandidatin Vera Lengsfeld machen durch einen Bruch mit dem einheitlichen Erscheinungsbild ihrer Parteien auf sich aufmerksam:

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Für den zweiten Blick. Plakat des Kreuzberg-Friedrichshainer SPD-Direktkandidaten Björn Böhning.

Böhning wirbt mit einem stilisierten Porträt, das an Wahlposter von Barack Obama erinnert. Darüber stehen Texte, die sich als Sprachspiel entpuppen: Manche Worte sind größer gedruckt, zusammen ergeben sie jeweils neue Sätze, wie: „Zeit ..., dass Bildung ... nichts ... Besonderes ist.“ Linken-Kandidatin Wawzyniak setzt auf die Rebellenpose: Sie zeigt ihren nackten Rücken mit der (abwaschbaren) Tätowierung: „socialist“, darunter der Slogan: „Mit Arsch in der Hose in den Bundestag“. Körperlichen Einsatz verspricht auch CDU-Kandidatin Lengsfeld. Die Autorin und einstige DDR-Bürgerrechtlerin ließ sich neben das berühmte Merkel-Bild mit dem tief ausgeschnittenen Dekolleté montieren, das die Kanzlerin vergangenes Jahr zu einer Opernpremiere trug. Lengsfeld selbst trägt ein ähnlich freizügiges Dekolleté, darunter der Spruch: „Wir haben mehr zu bieten.“

Fragt man die Kandidaten, wie sie sich von der ansonsten weitgehend einfallslosen 08/15-Ästhetik ihrer Parteistrategen lossagen konnten, antworten alle: „Der Wahlkreis“. Kreuzberg und Friedrichshain gelten als alternativ-kreative Hochburgen, das lockert offenbar die Zügel der Wahlkampfmanager. Manche haben auch einfach nichts zu verlieren: Lengsfeld verweist auf die neun Prozent, die die CDU bei der EU-Wahl in Kreuzberg bekam (Grüne: 43,1 Prozent) – da sei alles erlaubt, was ihrer Partei zu ein wenig mehr Aufmerksamkeit verhelfen kann. 

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