Bundeswehr-Affäre : Wussten Vorgesetzte von Totenschändung?

Die Bundesregierung weist Berichte über eine mögliche Mitwisserschaft von Offizieren bei den Totenschändungen durch deutsche Soldaten in Afghanistan zurück.

Mainz/Hamburg - "Diese Meldungen sind nicht bestätigt. Das ist reine Spekulation", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christan Schmidt (CSU). Sicherheitspolitiker warnten vor einer Verschärfung der Sicherheitslage auch in Deutschland.

Schmidt sagte, in den Berichten werde das eine oder andere wohl auch vermutet. Trotzdem würden die Darstellungen in Ruhe überprüft. Sollte sich herausstellen, dass sich Vorgesetzte falsch verhalten haben, würden diese so bestraft wie bereits einige Soldaten. Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" sollen Offiziere mehrfach von afghanischer Seite gebeten worden sein, "Berichten über Schändungen" in der Gegend um Kabul nachzugehen. Das Blatt berief sich auf einen ehemaligen Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der in Kundus eingesetzt war.

Beckstein: "Munition für weitere Radikalisierung"

Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) sagte: "Solche Vorfälle liefern islamistischen Extremisten Munition für weitere Radikalisierung". Auch wenn die unmittelbaren Folgen für die Sicherheitsinteressen Deutschlands derzeit noch nicht abzusehen seien, stehe zu befürchten, dass das Verhalten der beteiligten Soldaten in der islamischen Welt als weiteres Glied in einer Kette von Verunglimpfungen religiöser Gefühle von Moslems durch den Westen wahrgenommen werde.

SPD-Fraktionschef Peter Struck erinnerte daran, dass im Fall der beiden mutmaßlichen Kofferbomber von Koblenz und Dortmund bereits die Veröffentlichung von Mohammedkarikaturen als Motiv ausgereicht habe. Die deutschen Soldaten in Afghanistan müssten noch sensibler mit der Gefährdungslage umgehen. Viel werde davon abhängen, dass die Vorfälle schnell und lückenlos aufklärt würden und nichts vertuscht werde.

Wichert: "Einzelfalltheorie nicht mehr glaubhaft vermittelbar"

Die Zeitung "Bild am Sonntag" berichtete, dass Verteidigungsministerium warne in einer streng vertraulichen Lageeinschätzung für Staatssekretär Peter Wichert vor Gewalt gegen die Afghanistan-Truppe. Es sei mit gewaltsamen Übergriffen nicht nur gegen deutsche, sondern auch gegen internationale zivile und militärische Kräfte und Einrichtungen insgesamt zu rechnen. Die bekannt gewordenen Vorgänge könnten auch innerhalb Deutschlands weit reichende Folgen haben. "Es ist nicht auszuschließen, dass durch die erneuten Ereignisse auch hier die Einzelfalltheorie nicht mehr glaubhaft vermittelbar ist und es somit nicht auszuschließen ist, dass es zu religiös motivierten Protesten gegen die Bundeswehr kommt", zitierte das Blatt aus der Einschätzung.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, ob die jüngst veröffentlichten Fotos Einfluss auf die Gesamtlage haben werden, lasse sich derzeit nicht konkret belegen. Der Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung, Rolf Tophoven, sagte dagegen, die Totenschändung sei eine Steilvorlage für islamistische Terroristen, um mögliche Anschläge zu rechtfertigen. "Die potenzielle Terrorgefahr in Deutschland hat sich durch die Skandalfotos aus Afghanistan vergrößert", sagte Tophoven. (tso/ddp)

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