Bundeswehr : Die Vertrauensfrage: Deutsche Soldaten in Afghanistan

Gespräche führen, die Herzen der Menschen gewinnen: So heißt das neue Konzept für den Afghanistan-Einsatz. Keine einfache Aufgabe für die deutschen Soldaten. Zumal ihre US-Kollegen in dieser Frage manchmal ganz eigene Ansichten haben

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Scheue Begegnung. Afghanische Kinder und deutsche Soldaten bei Masar-i-Scharif.
Scheue Begegnung. Afghanische Kinder und deutsche Soldaten bei Masar-i-Scharif.Foto: picture-alliance/ dpa

Es ist laut geworden. Bis in die Nacht hämmern Soldaten in gleißendem Scheinwerferlicht an dem Metallgerippe einer neuen Halle im Feldlager in Masar-i-Scharif, das Geräusch von Hubschrauberrotoren zerschneidet den schwarzen Himmel über Nordafghanistan. 60 Helikopter haben die Amerikaner in den vergangenen Monaten ins staubige Camp Marmal verlegt, hier soll auch die Instandsetzungsbasis für ganz Afghanistan entstehen. Fast 2500 US-Soldaten sind nach Präsident Obamas Beschluss, die Truppen aufzustocken, neu angekommen, noch einmal so viele Soldaten wie bisher – damit hat sich auch die Größe des Lagers verdoppelt. Aus dem großen, aber doch eher beschaulichen Logistikzentrum im Regionalkommando Nord der internationalen Schutztruppe Isaf ist eine Operationsbasis geworden. Sogar das Ehrenmal für die getöteten Soldaten musste dem Ausbau in Richtung Einfahrt weichen. Das sieht nicht nach dem Rückzug größerer Einheiten ab Ende Juli 2011 aus – in gerade mal elf Monaten.

Vielmehr überlegen Logistiker, wie sie die Versorgung der Basis sicherstellen können. Für so viele Menschen sind die Brunnen in der Wüste nicht ausgelegt. Manchmal wird das Wasser bereits knapp, erzählen Soldaten. In den Waschräumen mahnen Schilder: nicht länger als drei Minuten duschen. Auch die Kantine stößt an ihre Grenzen, obwohl die Amerikaner bereits eine weitere gebaut haben.

Im Isaf-Regionalkommando Nord haben die Deutschen das Kommando, im Moment der Zwei-Sterne-General Hans-Werner Fritz, sein Vize ist ein Amerikaner. Das Kontingent der US-Soldaten ist so groß wie das aller anderen zusammen, und es werden noch mehr kommen. Längst grübelt mancher, wie lange es wohl dauert, bis auch hier ein Amerikaner an der Spitze steht. Sprecher Oberstleutnant Klaus Neumann versucht die Zweifel zu zerstreuen: „Oberbefehlshaber General Petraeus hat gerade noch einmal versichert, dass die Deutschen auch weiter das Kommando im RC North haben werden.“

Die Stimmung ist angespannt. Viele deutsche Soldaten haben sich die Ankunft der Supermacht gewünscht, die Amerikaner haben die Ausrüstung, die den Deutschen fehlt. Selbst auf die Uniformen, die für den Einsatz mit Splitterschutzweste und Handschuhen besser geeignet sind, schauen viele mit Neid. Sie haben „das größte Portemonnaie“ und ein Mandat, das weit über das hinausgeht, was der Bundestag seinen Truppen erlaubt. Doch inzwischen sehen viele die Neuankömmlinge mit gemischten Gefühlen. In mancher Stabseinheit der Isaf-Truppe gibt es Irritationen über die unterschiedlichen Arbeitsweisen. Zu oft werde nur das vorgegebene Konzept abgearbeitet, zu wenig auf eine aktuelle Situation reagiert, klagen Deutsche.

Auch der Umgang mit Waffen ist bisweilen verstörend. Niemand sollte sich wundern, wenn er zum Kaffee am Morgen an den langen Tischreihen in der Supreme-Kantine direkt in den schwarzen Lauf eines aufgepflanzten Maschinengewehrs schaut. „Als wir in Masar waren, kam uns in rasanter Fahrt ein langer US-Konvoi entgegen, die haben wir erst mal vorbeigelassen. Als sie uns passierten, haben sie ihre Zielrohre direkt auf uns gerichtet. Auf die eigenen Leute“, berichtet ein deutscher Zwei-Meter-Schlacks entgeistert. „Wenn die so auch mit den Afghanen umgehen ...“, er beendet den Satz nicht. Mancher US-Soldat wirkt wie an seiner Waffe festgekrallt. Und die Kämpfer haben nicht den Ruf, zimperlich zu sein.

Wie tief sitzt das Misstrauen gegen die, denen sie helfen sollen? Eine zierliche US-Soldatin Anfang 20, der die Waffe bis zu den Oberschenkeln baumelt, zeigt verzückt aufs Display ihrer silbernen Sony-Kamera. „Guck dir die Kinder an, sind die nicht süß?“ Sie hat sie aber nur von Weitem fotografiert. „Wir dürfen nicht mit ihnen reden oder sie anfassen. Die Kinder könnten Bomben von Taliban haben.“ Dabei sollen die Truppen doch offiziell mit afghanischen Sicherheitskräften draußen unterwegs sein, mit ihnen übernachten, Vertrauen, Respekt und die Herzen der Menschen gewinnen. „Partnering“, ein pummeliger US-Sergeant mit asiatischen Wurzeln lächelt fast mitleidig auf die Frage, wie es mit dem neuen Konzept so läuft. „Wir verstehen doch nicht einmal ihre Sprache.“

Ängste haben auch viele Deutsche, die in Masar sind. Die, die Camp Marmal verlassen können, lästern gern mal über die „Drinnies“, die sich vor den Afghanen fürchten, ohne einen einzigen zu kennen. „Wir versuchen den Leuten zu erklären, dass man nicht sofort tot umfällt, wenn man einen Schritt vors Tor macht“, erzählt Tobias Maué. Der Reserveoffizier kennt Afghanistan besser als die meisten anderen, er war schon als Entwicklungshelfer hier. Allerdings schätzt auch er die Lage in Masar im Moment etwas kritisch ein. Damit meint er allerdings nicht die viel beschworene Rache der Taliban. Eher die Unruhe bei den Hasara. Diese Volksgruppe fühlt sich schlecht vertreten. Wieder einmal ist ihr viel versprochen, aber nicht viel davon gehalten worden. Im September sind Wahlen. Ein weiteres Problem: Die Ausländer haben neue Straßen finanziert, aber die sind nicht für die neuerdings so großen Truppenbewegungen ausgelegt. Die Menschen der Boomtown Masar mit allerlei neuen glasverspiegelten Gebäuden ärgern sich über den täglichen Stau und rücksichtslos fahrende Militärkonvois. Das waren sie von Deutschen und Skandinaviern bisher nicht gewöhnt.

„Manche Amerikaner kommen direkt aus dem Irak oder dem Süden Afghanistans hierher. Was die da gesehen haben, das wollen wir alle nicht erleben. Die Afghanen hier sehen für sie genauso aus wie die Menschen dort“, sagt eine deutsche Soldatin. Die blonde Frau Anfang 30 im Rang eines Kapitänleutnants ist eine von rund 500 Deutschen, die die Welt jenseits der Kontrollen kennen. Dort beginnen die Menschen, die US-Truppen für die Probleme verantwortlich zu machen. Innerhalb von nur zwei Tagen wurden vier einheimische Wachleute geköpft, ein Polizist ermordet. „Trübe das Wasser, damit du die Fische fängst“, nennen Afghanen das. Unruhestifter wollten Hass gegen die Truppen schüren. Kürzlich haben sie in der Stadt einen Sprengkörper, die Soldaten nennen so etwas IED (Improvised Explosive Device) gefunden. Er war nicht scharf. Das, so sagen sie, machen Attentäter, um zu testen, wie die Truppen darauf reagieren. Das nächste Mal platzieren sie dann einen echten. „So hat es in Kundus auch angefangen.“ In Kundus herrscht Krieg. Bald auch in Masar?

Auch hier operieren US-Spezialeinheiten, die gezielt Aufständische töten und direkt aus dem Pentagon ihre Befehle erhalten. Diese Spezialeinheiten sind in den letzten 18 Monaten um das Dreifache aufgestockt worden. Wer sie sind, darüber wird offiziell nicht geredet, man weiß nur, dass es sie gibt. Aber natürlich macht sich in Masar jeder seine Gedanken vor allem über die Männer der US-Task-Force, die sich ein Camp im Camp eingerichtet haben und nachts ausrücken. Wenn sie im Fitnessstudio oder beim Essen auftauchen, erkenne man sie sofort, sagen sie. Und sie machen ihre Witze. „Viele tragen Bärte bis sonst wohin. Der Typ ZZ-Top-Rocker kommt ziemlich oft vor“, grinst einer. In ein paar Containern und Zelten hinter hohen Betonmauern hätten sie sich verschanzt. „Für uns Berliner ist das wie ein Stück Heimat, das Einzige, was fehlt, ist oben drauf die Rundung.“ Einsatz-Sarkasmus. Die Feierabendecke nebenan nennen geschichtlich nicht ganz sattelfeste Kameraden Checkpoint Charlie. Sie hätten auch ein Schild gemalt: „You are leaving the American Sector“, in vier Sprachen, wie damals an der Mauer.

In der Kantine wechseln die Männer der Geheimtruppe schon mal ein paar Worte mit den anderen, aber über ihre Aufgaben reden sie nicht. Was sie genau machen, wollen viele auch gar nicht wissen; das würde dann ja keinen Sinn machen. „Letztes Jahr“, sagt einer, der damals schon da war, und schaut den am tintendunklen Himmel lärmenden Helikoptern nach, „haben sie immer, nachdem nachts die Hubschrauber zu hören waren, Verwundete oder Tote ins Lager gebracht. Heute machen sie sicher nur Flugstunden.“

Ab und zu zweifelt die junge deutsche Frau Kapitänleutnant auch mal, wenn sie abends in der nicht schwinden wollenden Hitze zwischen den Containern unter einem Tarnnetz auf einem Holzsessel sitzt und an den Freund zu Hause im Rheinischen denkt. Sie gehört zu einem Team, das herauszufinden versucht, was die Bevölkerung denkt, wie die Stimmung ist. Fünfeinhalb Monate bleibt sie in Masar, es ist schon ihr zweites Mal. „Ich hoffe nur, dass die Politik nicht auf die Idee kommt, uns hier abzuziehen. Es klappt zwar nicht alles, was wir machen, aber wir können die Leute doch nicht so zurücklassen.“ Und sie ärgert es, dass der deutsche Einsatz jetzt vor allem mit gezielten Tötungen in Verbindung gebracht wird. „Aber dann treffe ich wieder Leute wie heute die Frauen“, sagt sie.

Elf afghanische Frauen sind es an diesem Tag, die eine Dreiviertelstunde Fußweg auf sich genommen haben, um mit der deutschen Soldatin ins Gespräch zu kommen. Während dieser Unterhaltung bleibt die „Langwaffe“ im Auto, die Pistole versucht sie dezent zu verdecken, wenn sie sich zu den Frauen auf den Teppich setzt. Die Stiefel behält sie an, obwohl man Wohnhäuser hier normalerweise barfuß betritt – man weiß ja nie, sagt die Soldatin. Vertrauen zu gewinnen ist eine Gratwanderung. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, stehen draußen ihr Chef, Oberstleutnant Kay Burgdorf und ihr türkischstämmiger Kollege mit einem weiteren Bewachertrupp zwei Stunden bei 48 Grad in der brütenden Hitze, während sie mithilfe ihrer afghanischen Dolmetscherin mit den Frauen spricht.

„Wir verlassen uns auch auf unsere Heckler und Koch“, sagt der von der Wüstensonne gebräunte Burgdorf. Naiv sind sie nicht. Zum vierten Mal hat die deutsche Soldatin heute mit den Frauen einer afghanischen Selbsthilfegruppe gesprochen. Diesmal hat sie die elf Frauen nach ihrem größten Wunsch gefragt. Sauberes Wasser, war die Antwort. Während in Deutschland alle meinen, die Bundeswehr habe ganz Afghanistan mit Brunnen überzogen, sind die Bohrlöcher in ihrer Nähe nicht tief genug und darum versalzen. Wenn sie ihre Babys mit dem Wasser waschen, bekommen sie Ausschlag. Aber die fünf Liter, die sie drei Kilometer von einem guten Brunnen nach Hause schleppen, reichen gerade, um Tee zu kochen und Essen.

Kay Burgdorf und sein Team versuchen, behutsam Kontakte herzustellen. Sie sehen aber auch, dass die bei der Bundeswehr üblichen vier Monate Einsatzzeit kaum reichen, um jenes Vertrauen aufzubauen, das der Schlüssel zur Zusammenarbeit ist. Für seinen Job wäre ein Jahr besser, schätzt Burgdorf. Er versucht, im Wechsel mit Kollegen nach ein paar Monaten erneut nach Afghanistan zu kommen, sodass bekannte Gesichter immer wieder auftauchen. Auch andere Abteilungen wünschen sich ein solches Modell. Viele Amerikaner schütteln über die Regeln der Deutschen ohnehin den Kopf. Die meisten von ihnen bleiben ein Jahr, mit nur zwei Wochen Urlaub. „Bei einem Durchlauf treffe ich drei verschiedene Deutsche auf einer Position“, sagt ein US-Ingenieur.

Viele machen sich Gedanken, wie es weitergehen wird am Hindukusch. Abzugsbeginn 2011? „Ich bin dagegen. Es gibt Fortschritte. Aber das alles braucht Zeit“, sagt ein deutscher Ministerialbeamter. Dann fügt er noch hinzu: „Und wir haben hier schon so viel investiert.“ Vielen wird erst jetzt so langsam klar, dass sie in ihrem Perfektionismus den Afghanen zu oft gesagt haben „wir machen das mal“. Sie tun sich schwer damit, dass hier nichts schnell geht. Mit Skepsis sehen viele Offiziere die öffentliche Debatte über einen weitgehenden Rückzug bis 2014. „Wenn die Afghanen denken, wir gehen mit Mann und Maus, ist gleich Ende mit dem Vertrauen.“

Die Diskussion verunsichert auch diejenigen Afghanen, die sich auf die Zusammenarbeit mit den Ausländern eingelassen haben. Sie fragen inzwischen schon mal ganz unverbindlich nach, wo man am besten ein paar Dollar anlegen könne. Sie wollen vorbereitet sein. Und denken darüber nach, wann sie selbst ihr Land am besten verlassen.

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