Bundeswehr : Gebirgsjäger wegen zweifelhafter Rituale in der Kritik

Die Gebirgsjäger gelten als Eliteeinheit in der Bundeswehr. Vorbildcharakter vermitteln sie in der Truppe aber nicht, sondern nötigen Kameraden zum "Kampftrinken" - buchstäblich bis zum Erbrechen. Bundeswehrverband fordert Konsequenzen.

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Im Gelände. Ein Angehöriger der Gebirgsjäger führt ein Maultier bei einer Übung im Raum Berchtesgaden. -Foto: dpa

Berlin - Vier Jahre nach dem sogenannten Totenschädelskandal steht der Bundeswehrstandort der Gebirgsjäger in Mittenwald (Oberbayern) erneut in der Kritik. Wie im Jahr 2006, als sich Deutschland über die Veröffentlichung von Fotos erregte, auf denen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Totenköpfen und Knochen posierten, geht es auch diesmal um Geschmacklosigkeiten: Mutproben und Aufnahmerituale, bei denen Soldaten der Einheit Kameraden zu erniedrigenden Handlungen zwangen.

Demnach waren Soldaten der Gebirgsjäger während der Dienstzeit eines Rekruten im Juni 2009 von Kameraden genötigt worden, bis zum Erbrechen Alkohol zu trinken und rohe Schweineleber mit Hefe zu essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen. Die Gebirgsjäger gelten als eine „Eliteeinheit“ der Bundeswehr.

Bekannt wurden die Vorgänge durch die Beschwerde eines ehemaligen Gebirgsjäger-Rekruten beim Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe. Bei dem Vorgang handele es sich nach seiner Kenntnis um „eine Angelegenheit von offenbar größerer Dimension“, meldete Robbe an den Verteidigungsausschuss. Was in Mittenwald geschehen sei, sei „erniedrigend und herabwürdigend“. Vorgesetzte hätten davon Kenntnis gehabt, seien aber nicht eingeschritten. Die Rituale würden nach seinen Erkenntnissen möglicherweise schon seit den achtziger Jahren praktiziert.

Inzwischen gab die betroffene Einheit die Vorwürfe in Teilen zu. „Es wurde weitestgehend durch mindestens einen Soldaten bestätigt, dass viele von den Angaben wahr sind“, sagte der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 233, Oberstleutnant Fred Siems der Agentur dpa. Bei den betroffenen Soldaten handele es sich ausschließlich um Mannschaftsdienstgrade. Die Schikane hätten sich außerhalb der Dienstzeit und Kaserne zugetragen. Vorgesetzte hätten von den entwürdigenden Aufnahmeritualen nichts gewusst.

Zuvor hatte der Bataillonschef bereits angekündigt, eventuelle Straftaten zur Verfolgung an die Staatsanwaltschaft abzugeben. Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der Anfang der neunziger Jahre seinen Grundwehrdienst beim Gebirgsbataillon in Mittenwald abgeleistet hat, kündigte eine umfassende Untersuchung der Vorgänge an. „Sauber aufklären, abstellen und entsprechende Konsequenzen ziehen, das ist das Gebot der Stunde“, sagte der Minister.

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, forderte Konsequenzen aus dem Skandal in Mittenwald. „Eins ist klar, es muss hier ganz deutlich und auch mit aller Konsequenz gehandelt werden“, sagte er dem Nachrichtensender N24. „Wenn sich das alles so bestätigt, wie es sich heute darstellt, dann müssen die zur Rechenschaft gezogen werden, die das gemacht haben, und auch diejenigen, die weggeschaut haben.“

Rituale sind bei der Bundeswehr gang und gäbe – Alkohol ist dabei fast immer im Spiel. Nach Informationen des Tagesspiegels sind diese in manchen Einheiten so etabliert, dass sie sogar eigene Namen tragen. So ist das „Fernmeldebrummen“ so manchem Panzergrenadier ein Begriff: Neulinge müssen erst eine Tischdecke in den Mund nehmen, um sich dann von Kameraden anpinkeln zu lassen. Beim „Schwedentrunk“ werden Alkoholika aller Art mit Gewürzen zusammengemischt und Rekruten verabreicht. Zwar steht es jedem frei, sich an den Aufnahmeritualen zu beteiligen; wer nicht mitmacht, gilt allerdings in der Truppe als „Pfeife“ oder „Weichei“.

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