Politik : Bundeswehr-Gelöbnis: "Armee ist Teil der Demokratie" - Paul Spiegel im Interview

Es ist das erste Mal[dass ein Präsident des]

Paul Spiegel (63) ist seit anderthalb Jahren Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Es ist das erste Mal, dass ein Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland bei einem Gelöbnis spricht. Gab es von Seiten der Gemeinde keine Vorbehalte?

Ich hatte mit Widerspruch gerechnet in unseren Gremien. Schließlich verband sich mit Deutschen in Uniform die Erinnerung an das Grauen der Judenvernichtung. Doch Widerstand hat es nicht gegeben, nur einige die meinten, sie hätten das selber eher nicht getan. Doch auch wenn es nach dem Krieg Vorbehalte gegen die Wiederbewaffnung gab, gehört die Bundeswehr für uns heute zum Bild Deutschlands dazu.

Manche der Protestierer gegen das Gelöbnis sehen das anders. Ihrer Meinung nach hat die Bundeswehr die Traditionsstränge zur Wehrmacht nicht ausreichend gekappt.

Natürlich hat die Wehrmacht die Voraussetzungen für den Holocaust geschaffen, die Vernichtungsmachinerie der Nazis folgte den deutschen Truppen. Und die Bundeswehr ist aus der Wehrmacht hervorgegangen. Doch meine Skepsis gegenüber der Bundeswehr ist gewichen. Heute ist sie ein Teil unserer rechtsstaatlichen Demokratie. Ich habe aber auch Verständnis für Proteste.

Es ist noch nicht so lange her, dass die Bundeswehr wegen rechtsradikaler Umtriebe in der Truppe in die Schlagzeilen geriet. Zieht die Armee Rechtsradikale besonders an?

Die Bundeswehr ist ein Spiegel der Gesellschaft, daher findet sich der Rechtradikalismus und Antisemitismus auch hier wieder. Aber die Bundeswehr nimmt dieses Problem sehr ernst, nur natürlich kann man das nicht von Heute auf Morgen verändern. Aber ich möchte die jungen Rekruten dazu aufrufen, hinzusehen, wenn irgendwo ausländerfeindliche oder antisemitische Witze gerissen werden. Was mich aber positiv überrascht hat, ist, dass in der Armee heute Soldaten dienen, die selber oder über ihre Eltern aus 80 Ländern stammen.

Finden Sie Auslandeinsätze der Bundeswehr gerechtfertigt? Könnte man sich sogar eine Friedensmission in Nahost vorstellen?

Die Bundeswehr hat zur Friedenssicherung auch im Ausland eine Aufgabe, wenn sie dazu aufgefordert wird. Beteiligung an Friedensmissionen in Israel sind aber wohl erst in ein paar Jahrzehnten denkbar.

Der Zentralrat hat sich beim Besuch von Präsident Assad erstmals mit Anzeigen zu Wort gemeldet. Werden Sie weiter auf diese Art zu politischen Themen Stellung beziehen?

Wir wollten nur auf das antisemitische Gift aufmerksam machen, das Assad verspritzt. Und ich glaube, die Anzeigen haben etwas bewirkt und das Bewusstsein in Medien und Politik geschärft. Ich kann mir gut vorstellen, dieses Mittel auch in Zukunft zu benutzen.

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