Bundeswehr : Generalprobe für Nordafghanistan

Die schnelle Eingreiftruppe QRF der Bundeswehr trainiert für Afghanistan – und inszeniert sich selbst.

Sarah Kramer

BergenEin Marktplatz in Afghanistan, mitten in Niedersachsen. Auf einer Wiese am Waldrand tummelt sich ein Dutzend Gestalten in wallenden, hellen Gewändern an einem Feuer, das aus einer Tonne lodert. Den Weg säumen ein verkohlter Panzer und zwei Häuschen in Klinkeroptik. Hinter einem Zaun warten mehr als hundert Journalisten und zahlreiche Kamerateams im Schlamm. Sie rangeln um die beste Position: Wann hat man schon mal Gelegenheit, Deutschlands schneller Eingreiftruppe „Quick Reaction Force“ (QRF) beim Training für den Afghanistaneinsatz zuzusehen? „Setzen Sie bitte jetzt den Hörschutz ein“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Die Szenerie auf dem Nato-Truppenübungsplatz Bergen in der niedersächsischen Provinz mutet an wie bei einer Stuntshow im Filmstudio.

Was die versammelte Presse an diesem Montagmorgen bei strammem Hagel auf dem Gelände zwischen Soltau und Celle zu sehen kriegt, darf der Chef des Panzergrenadierbataillons 212 aus Augustdorf, Oberstleutnant Gunnar Brügner, in grün- gescheckter Uniform hinter einem Rednerpult kommentieren, das mit Tarnnetz umwickelt ist. Geprobt wird der Angriff auf einen deutschen Hilfskonvoi, der im Norden Afghanistans die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Brennholz versorgt. Brügners Soldaten rücken in gepanzerten Fahrzeugen aus der Ferne an, die Vorhut trägt grüne und braune Farbe im Gesicht und hat die schwarzen Sturmgewehre im Anschlag. Ein Knall durchbricht die Stille: Auf dem Marktplatz ist eine Panzerfaust eingeschlagen. Ein deutscher Schützenpanzer ballert unaufhörlich zurück, die Munitionshülsen regnen auf den Boden.

Im Juli soll die 200 Soldaten starke deutsche QRF norwegische Truppen im Norden Afghanistans ablösen und dabei auch „offensive Operationen“ ausführen, also kämpfen. Dass diese Aufgabe womöglich auch zu Toten führen könnte, daran mag an diesem Tag keiner der Soldaten so richtig denken. „Ich will mir das nicht vorstellen“, sagt ein 25-jähriger Stabsgefreiter mit braun-grünen Kulleraugen und Camouflage. Er muss zusammen mit einigen Kameraden der Presse nach der „Vorführung“ Rede und Antwort stehen. „Ein Restrisiko gibt es immer“, sagt der junge Soldat. Als er den Einsatzbefehl für Afghanistan bekommen habe, habe er gedacht: „Okay, dann machen wir das.“ Er klingt, als würde es in vier Monaten nicht zum Kampfeinsatz an den Hindukusch, sondern auf Klassenfahrt an die Ostsee gehen. Der Ton passt zur Devise, die Brigadegeneral Jürgen Weigt, zu dessen Brigade das Panzergrenadierbataillon 212 gehört, bei der Pressekonferenz am Morgen ausgegeben hat: Die Entsendung der deutschen QRF nach Afghanistan beinhalte im Vergleich zum bisherigen Einsatz am Hindukusch „keine neue Qualität“. Auch die Soldatin, die in Afghanistan für das Material der schnellen Eingreiftruppe zuständig sein wird, moderiert den Auftrag herunter. „Wir fahren schließlich nicht dahin, um groß Krieg zu führen“, sagt die 23-Jährige. Die Feldwebelin ist eine von drei Soldatinnen der deutschen QRF. Sie habe wie alle Kameraden eine Ausbildung durchlaufen, bei der auch der Tod Thema gewesen sei, erzählt die 23-Jährige. Die Soldatin ist sich sicher: „Auf den Tod kann man sich nicht vorbereiten.“ Nahe gegangen seien ihr allerdings vor allem die vielen Bilder von verletzten Soldaten, mit denen die Mitglieder der künftigen QRF konfrontiert wurden. „Da wird einem ganz schön mulmig“, sagt die Soldatin. Einer der erfahreneren Kameraden lässt sich nach einigem Bohren dann aber doch noch auf eine etwas gewagtere Einschätzung des bevorstehenden Einsatzes ein. Der Hauptfeldwebel, 33 Jahre jung, war schon fünf Mal im Auslandseinsatz. Von Angst will der Soldat vor der Reise nach Afghanistan nichts wissen. „Aber meine Bekannten machen sich alle Sorgen.“ Dem Hauptfeldwebel ist bewusst, dass es am Hindukusch womöglich gefährlicher werden kann als in Bosnien oder im Kosovo und will deswegen „mit Respekt an die Sache gehen“. „Das heißt für mich vorsichtig sein – nicht überheblich.“

Der Medientross hinterlässt am Ende nur seine Fußspuren im Matsch. Den QRF-Soldaten bleibt die Hoffnung, unversehrt nach Deutschland zurückzukehren. Und die Ahnung, dass es in Afghanistan wohl nicht bei der Show bleiben wird.

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