Bundeswehr : Gorch-Fock-Besatzung spricht von Rufmord

Die Besatzung des Ausbildungsschiffes beschwert sich beim Verteidigungsminister über die öffentlichen Vorwürfe. Gleichzeitig kommt die Marinekommission nur schleppend voran: Einige Schlüsselpersonen sagen nicht aus.

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6. Mai 2011: Die "Gorch Fock" legt in Kiel an. Zuvor hatte es monatelange Diskussionen um das Segelschulschiff gegeben, weil eine Anwärterin zu Tode kam.Weitere Bilder anzeigen
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06.05.2011 11:396. Mai 2011: Die "Gorch Fock" legt in Kiel an. Zuvor hatte es monatelange Diskussionen um das Segelschulschiff gegeben, weil eine...

Die zur Untersuchung der Missstände auf dem Marine-Segelschulschiff Gorch Fock eingesetzte Marinekommission kommt offenbar nur schleppend voran. Nach Informationen des „Focus“ wollten der vorerst abberufene Kapitän Norbert Schatz und der disziplinarrechtlich verantwortliche Erste Offizier Markus Hey bisher nicht aussagen. Heys Anwalt Jörgen Breckwoldt sagte dem Magazin: „Wir wissen noch nicht einmal, was den Verantwortlichen der Gorch Fock überhaupt vorgeworfen wird.“

Die Kommission unter Leitung von Konteradmiral Horst-Dieter Kolletschke war eingesetzt worden, um die Berichte über Missstände bei der Ausbildung und Vorwürfe von Offiziersanwärtern gegen die Stammbesatzung zu untersuchen. Junge Offiziersanwärter sollen von Mitgliedern der Stammbesatzung drangsaliert, übermäßig unter Druck gesetzt und sexuell genötigt worden sein. Unter noch ungeklärten Umständen waren 2008 und 2010 zwei Offiziersanwärterinnen zu Tode gekommen.

Die Stammbesatzung hat die Vorwürfe inzwischen in einem Brief an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurückgewiesen und als „Rufmord“ bezeichnet. Der Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt, solle „Ausdruck und Zeichen sein, wie sehr die Stammbesatzung hinter ihrem Kommandanten steht“. Der Brief ist die erste Reaktion der Mannschaft, die den politischen Streit um ihr Schiff aus tausenden Kilometern Entfernung mitverfolgte. Durch Klagen von Soldaten gegenüber dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) war eine politische Affäre entstanden, die Guttenberg unter Druck setzte.

Zur Abberufung des Kommandanten heißt es in dem Schreiben: „Auch ist uns allen mehr als unverständlich, einen Kommandanten, der allseits beliebt ist, gut zu seiner Besatzung war und viele Entbehrungen auf sich und seine Familie genommen hat, um das Schiff gut zu führen, so abzuservieren, wie es hier der Fall war.“ Warum, heißt es weiter, wurde „ein zuverlässiger, loyaler Offizier“ ohne Untersuchung beziehungsweise Untersuchungsergebnis so behandelt und „bloßgestellt“? Auch fehle ihnen „der Rückhalt unserer übergeordneten Dienststellen, welche sich zu keiner Zeit vor uns stellten oder sich nach unserem Befinden erkundigt haben“. Die Abberufung von Schatz sei allein vor „dem Hintergrund unbestätigter Anschuldigungen, welche eine Gruppe von Petenten (Offiziersanwärter) in Form einer Eingabe an die Öffentlichkeit gebracht haben“, erfolgt. Dies sei „ein Schlag ins Gesicht jedes Einzelnen hier an Bord und Rufmord“.

Die Besatzung nimmt ausführlich Stellung zu den verschiedenen Vorwürfen. Der tödliche Unfall einer Kameradin an Bord sei auch für die Besatzung „ein harter Schlag“ und „nicht leicht zu verarbeiten“ gewesen. Offiziersanwärter hatten gegenüber dem Wehrbeauftragten berichtet, die Schiffsbesatzung habe schnell versucht, nach dem Unfall zur Tagesordnung überzugehen. Doch die in der „Bild“-Zeitung mit einem Foto illustrierte Karnevalsfeier habe es nie gegeben, behauptet die Mannschaft.

Der Name des Schiffs sei „nach diesen Vorfällen nur noch sehr schwer reinzuwaschen“, so die Autoren. Die Besatzung habe sich immer bemüht, „qualitativ hochwertig Kadetten an Bord auszubilden“, nun aber werde sie als „schlechte Menschen, ja gar als Unmenschen dargestellt“.

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