Politik : Bundeswehr: "Ich möchte nicht auf eine Frau aufpassen"

Jörn Hasselmann

677 Frauen rücken heute bei der Bundeswehr ein - darunter erstmals 37 Offiziers- und 72 Unteroffiziersanwärterinnen bei der Marine. Das Flottenkommando preist die Frauen "als Lösung unserer Probleme". Denn immer weniger Männer wollen noch Soldat auf Zeit oder gar Berufssoldat werden. Die Lücken in den Besatzungen sind mittlerweile unübersehbar - will ein Schiff auslaufen, muss sich der Kommandant vorher seine Männer auf anderen Booten ausborgen.

Doch mit den Frauen kommen neue Probleme an Bord. Es sind genau die Dinge, die bislang vor allem an Stammtischen genüsslich diskutiert wurden: Kann eine Frau auch mal 50 Kilo schleppen? Und: Schlafen Männer und Frauen im selben Zimmer? Heer und Luftwaffe können sich da beruhigt zurücklehnen und die Frauen in einen separaten Kasernenblock stecken. Doch die Enge an Bord zwingt die Geschlechter auf engsten Raum zusammen. So gibt es auf U-Booten und Schnellbooten genau eine Toilette und eine Dusche - mit einem Vorhang vom Korridor getrennt. Wehrpflichtige und Offiziersanwärter wurden auf Schnellbooten bislang in Sechser-Kammern untergebracht. Was also tun mit den zwei Frauen, die sich für die Schnellbootflottille beworben haben?

Die Antworten sind widersprüchlich. Der Kommandant eines Schnellbootes ärgert sich über die Anweisung des Verteidigungsministeriums, dass er die beiden Frauen in einer Zwei-Mann-Kammer einzuquartieren habe. Denn die beiden älteren Unteroffiziere aus dieser Kammer müssen dann zu den Wehrpflichtigen ziehen. Auch Admiral Nolting, der für das Personal bei der Marine zuständig ist, hält diese Lösung für "Quatsch". Er plädiert für einen Vorhang als Trennung in den Mannschaftsdecks. Denn auf den winzigen deutschen Unterseebooten gibt es keine abtrennbaren Kammern. "Das sind doch alles Probleme in den Köpfen alter Männer", sagte Admiral Nolting dem Tagesspiegel.

Doch erstaunlich ist, dass es gerade junge Offiziere sind, die Schwierigkeiten sehen. "Ich möchte nicht auf eine Frau aufpassen müssen, sondern muss mich auf sie verlassen können", meint ein Kampfschwimmer, Anhöriger jener Eliteeinheit, deren Ausbildung so hart ist, dass 80 Prozent der Anwärter sie nicht bestehen. Der junge Kommandant eines Schnellbootes hat Angst vor Liebesgeschichten an Bord: "Zehn Männer verlieben sich in eine Frau, aber nur einer kann sie kriegen. Dann kommt Neid auf, und der untergräbt die Gemeinschaft."

Andere Soldaten freuen sich auf die Frauen. "Die Leistung aller wird steigen. Frauen müssen und wollen sich anstrengen - und Männer wollen Kavalier sein", prophezeit ein Oberbootsmann. Admiral Nolting berichtet, dass die Sanitätssoldatinnen in der Vergangenheit härter und zäher als die Männer waren: "Frauen laufen bei 30-Kilometer-Märschen mit Gepäck bis die Blasen bluten - die Männer lassen sich vom Sanitäter in die Kaserne zurückfahren."

Die Öffnung der Bundeswehr für Frauen kam durch das Gerichtsurteil quasi überfallartig über die Truppe. "Viele Probleme schieben wir noch vor uns her und warten", räumt der Inspekteur der Marine, Admiral Lüssow, ein. Sollen verheiratete Soldaten an den gleichen Standort versetzt werden? Wie wird der Dienstposten besetzt, wenn eine Soldatin schwanger wird? Wohin mit den Kindern, wenn eine Frau in den Kosovo abkommandiert wird? Während im Verteidigungsministerium dazu jetzt Dienstanweisungen formuliert werden, würde sich Admiral Lüssow lieber "am gesunden Menschenverstand orientieren".

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