Bundeswehr in Afghanistan : Der Freund im Rücken

Auf vieles sind deutsche Kampftruppen im Norden Afghanistans vorbereitet, aber darauf nicht: Der Partner wird zum Attentäter im eigenen Lager. Aber ohne einheimische Soldaten läuft nichts.

Carsten Stormer[Kundus]
Die Bundeswehr macht in der Provinz Baghlan vermehrt Jagd auf Taliban.
Die Bundeswehr macht in der Provinz Baghlan vermehrt Jagd auf Taliban.Foto: dpa

Staub hing über der Front, ein brauner Schleier, setzte sich in den Haaren fest, verklebte die Augen und knirschte zwischen den Zähnen. Selbst auf dem Feldbett im Schatten einer Bauruine, wo Alexander Krallmeister, genannt „Kralle“, sein G-36-Sturmgewehr putzte. Ein Präzisionsgerät, tödlich auf dreihundert Meter. Krallmeister nagte an seiner Unterlippe, das Gewehr ist seine Lebensversicherung, es muss funktionieren, wenn es zum Kampf kommt, darf nicht blockieren. Auf Mütze und Uniform hatte Krallmeister seine Blutgruppe genäht: 0 positiv.

Es ist bereits einige Wochen her, dass um Krallmeister herum seine Kameraden saßen und wie er Munition in Magazine drückten, Verbandszeug in ihre Rucksäcke packten. Jemand summte die Melodie von „Amazing Grace“. Alle waren angespannt, nervös und verbargen das hinter der Vorfreude. Sie würden kämpfen, Taliban jagen, manche von ihnen sagten: endlich.

Es ging den Deutschen nun nicht mehr darum, den Krieg zu verwalten, sich beschießen zu lassen und sich anschließend im sicheren Lager zu verkriechen. Der Feind war zu mächtig geworden in den vergangenen Jahren. Das sollte sich ändern. Als Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg Mitte dieser Woche unangemeldet in die Provinz Baghlan aufbricht, um unter anderem einen Vorposten auf der Höhe 432 zu besuchen, geht es um die Früchte dieses Strategiewechsels. Es „herrscht tiefster Frieden rund um die Anhöhe“, schreibt ein mitgereister Journalist der „FAZ“, „gestört nur von einem Moped und anfliegenden Hubschraubern“. Doch kaum ist der Minister wieder ausgeflogen, eröffnet ein afghanischer Soldat innerhalb eines deutschen Postens das Feuer auf eine Gruppe Bundeswehrsoldaten. Drei Männer sterben, zwei weitere werden schwer verletzt. Über die Motive des Angreifers, der zur Schutztruppe des Camps gehörte, ist nichts bekannt. Er wurde ebenfalls getötet.

Der Freund wird zum Attentäter. Auf vieles sind deutsche Kampftruppen im Norden Afghanistans gefasst, aber darauf nicht. Weit haben sie sich in Feindesland vorgewagt und die Regeln der Realität angepasst, glaubten sie. Monatelang haben sie sich auch in Chahar Darah, der gefährlichsten Ecke im Einsatzgebiet der Deutschen, am Rande der Wüste festgebissen, gehaust in einer kleinen Festung aus Stacheldraht, Bunkern und Sandsäcken, ähnlich der, die jetzt unter dem Namen „OP North“ zum Schauplatz der tödlichen Schießerei geworden ist.

Ab Ende 2011 könnte nach Ansicht von Teilen der Bundesregierung der Abzug deutscher Truppen beginnen. Aber es darf nicht wie ein Rückzug aussehen. Die Afghan National Army soll selbst für Sicherheit sorgen können. Deshalb stehen immer öfter gefährliche Operationen wie jene mit dem Codename „Weißer Adler“ an. Der Auftrag lautet, das Dorf Nahr-e Sufi einzunehmen, nur ein paar Kilometer vom Lager entfernt – eine sogenannte No-go-Area, Talibanhochburg. Zwei deutsche Kompanien sowie eine amerikanische und eine afghanische wurden dafür zusammengezogen, dazu ein paar Belgier, insgesamt fünfhundert Mann. Sie sollen in den frühen Morgenstunden in das Dorf marschieren und die Taliban vertreiben, festnehmen und zur Not töten.

Die Amerikaner hatten schon vor Wochen versucht, das Dorf einzunehmen, mussten sich aber mit Verlusten zurückziehen. „Na, das waren ja auch keine Fallschirmjäger“, protzt ein Feldwebel. Alexander Krallmeister, Oberstabsgefreiter der zweiten Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 313, ignoriert die Scherze seiner Kameraden, er weiß, was Tod und Verlust bedeuten. Einen Monat vor dem Marschbefehl nach Afghanistan starb seine Verlobte und Jugendliebe bei einem Autounfall. Der Einsatz am Hindukusch und der Rückhalt seiner Kameraden hielten ihn im Gleichgewicht, sagt er, lenkten ab von seiner Trauer. Er ist ein nachdenklicher 23-Jähriger mit Spezialausbildung im Nahkampf, glattes Jungengesicht und Vollbart und seit etwas über vier Jahren Soldat. Es ist sein erster Auslandseinsatz. Nach dem Ende seiner Dienstzeit möchte er noch mal vier Jahre dranhängen und danach Verwaltungsfachangestellter lernen, beim Bund.

Ein Leben am Schreibtisch, das wirkt so unendlich weit entfernt an diesem Ort, an den Krallmeister und seine Kameraden beordert wurden, um Attentäter zu vertreiben, den zarten Fortschritt zu schützen, der in den vergangenen Jahren im Norden Afghanistans entstand. Diesen sogenannten Wiederaufbau, der eigentlich ein Aufbau ist, weil es all die Brunnen, Straßen oder Schulen vorher gar nicht gegeben hat. Den ganzen Tag über rollt Nachschub für die Schlacht ins Lager, eine weitere Kompanie als Verstärkung passiert das Schild am Eingang, auf dem steht, dass hier die Straßenverkehrsordnung gelte.

Normalerweise schiebt nur eine Kompanie Dienst im Camp; vier Züge, insgesamt 150 Mann, immer gefechtsbereit. Eine andere ist draußen im Feld, sichert die Zufahrtsstraßen, oder sie besetzt die strategisch wichtigen Höhen 431 und 432 – es ist ein mickriger Geländegewinn, alles andere links und rechts davon kontrollieren „die Kuddels“, wie die Extremisten von den Soldaten genannt werden. Eine Woche Staub, Tütenfutter und Sich-beschießen-lassen – fünf Tage ausspannen im Feldlager Kundus, das ist der Turnus.

So vergehen die Tage. Mit Filme gucken, warm duschen, Billard spielen oder kickern, mit der Familie oder der Freundin telefonieren, ein Bier trinken im Lummerland, der Lagerbar, vielleicht auch zwei. Oder sich über die unverschämt langsame Internetverbindung ärgern. Morgen ist wie heute, wie gestern, wie immer. Draußen herrscht Krieg, drinnen Langeweile. Zeit wird zur Gefahr, weil sie so langsam vergeht – zwischen Aufwachen im Morgengrauen, Ei und Rouladen aus der Tüte, Gewehr zerlegen, reinigen, zusammenbauen, Kartenspielen, Patrouille gehen, Kopf ausschalten. Routine füllt den Tag nicht mehr aus. Die Probleme zu Hause werden plötzlich bedeutungslos.

Auch weil die Probleme im nördlichen Afghanistan größer werden. So sicher, wie noch 2006, als die Deutschen das Regionalkommando übernahmen, ist hier längst nichts mehr. Deswegen operiert eine Brigade amerikanischer Soldaten seit ein paar Monaten im Gebiet der Bundeswehr, weil die alleine mit der Situation nicht mehr fertig wird. 2010 war das verlustreichste Jahr für die Koalitionstruppen am Hindukusch seit Beginn des Krieges vor neun Jahren. 711 Soldaten kamen bei Kämpfen ums Leben.

Und auch die Bundeswehr hat in dem Jahr mehr Männer verloren als je zuvor. Krallmeisters Kompanie war in den vergangenen Monaten in 13 Feuergefechte verwickelt. Ständig werden Fahrzeuge aus Verstecken beschossen, mit Maschinengewehren, Raketen oder Panzerfäusten. Selbst gebaute Sprengfallen sind zur größten Bedrohung für Patrouillen geworden. Kanister gefüllt mit Düngemittel und Diesel gegen deutsches Hightech. Vergangenen April starben sieben deutsche Soldaten innerhalb einer Woche, eine Zäsur – seitdem nehmen deutsche Politiker das Wort Krieg in den Mund und sprechen von Gefallenen. Auch Krallmeisters Zug musste schon vier Verwundete in die Heimat zurückschicken, einen davon mit gebrochenem Wirbel.

Freiwillig hat sich Krallmeister nicht für die Mission gemeldet. Einige hier um ihn herum haben ihre Dienstzeit verlängert – um sich im Feld zu beweisen. Die Ausbildung, all die Schinderei sollte nicht umsonst gewesen sein. Ob er, Krallmeister, vorbereitet worden sei auf Kampf und Tod? „Solche Gedanken lasse ich im Einsatz nicht zu“, sagt er. Nur manchmal schleichen sich Bedenken ein – nach einem Angriff auf eine deutsche Patrouille, wenn Kameraden verletzt wurden, die man kennt, Freunde vielleicht. Dann muss der Kommandeur seinen Leuten die Wut ausreden, die sie in sich aufsteigen fühlen. Sonst drückt einer aus Versehen ab, aus Angst und Unsicherheit. Weil jeder Bartträger ein Taliban sein könnte und jeder Benzinkanister eine Sprengfalle.

Je näher der Angriff auf das Dorf rückt, desto langsamer vergeht die Zeit. Am Nachmittag übt Krallmeisters Zug den Häuserkampf im Hof des Lagers. „Wir haben zwar schon ein paar Mal was auf die Fresse bekommen. Aber so einen Angriff haben wir auch noch nie durchgeführt“, sagt Krallmeister. In ihrer Montur sehen die deutschen Soldaten aus wie die Sturmtruppen aus einem Science-Fiction-Film. Sie schleppen Panzer- und Bunkerfäuste, MG-3’s und Sturmgewehre, Pistolen, Granaten, Messer.

Die Sonne blendet, eine Aufklärungsdrohne summt am Himmel, und Krallmeister läuft Schweiß in die Augen, während er mit seinem G-36 auf imaginäre Feindstellungen zielt. Sein bester Kumpel Timmy klettert die Schutzmauer auf einer Leiter empor und erschreckt eine Gruppe afghanischer Polizisten, die auf der anderen Seite entlanggeht. Sie leben hier eng mit den Einheimischen zusammen. Um 17 Uhr verkündet Hauptmann Martin Wolle, dass die afghanische Kompanie nicht an dem Angriff teilnehmen möchte. Er sagt: „Dann eben nicht. Wir können das allein durchziehen, kein Problem.“

Es ist schon dunkel, als der Hauptmann zur Lagebesprechung bittet. Er geht davon aus, dass sich etwa hundert „Kuddels“ in Nahr-e Sufi verschanzen. Vielleicht 150, „wenn wir Pech haben. Der Feind weiß mit Sicherheit, dass wir kommen. Die erwarten uns“. Wolle warnt vor den Verteidigungsstellungen der Taliban, vor Panzerfäusten und Sprengfallen. Zwei Uhr wecken, drei Uhr abmarschbereit, drei Uhr dreißig ausrücken – das ist der Plan.

Kurz darauf detoniert ein paar Kilometer vom Lager entfernt eine Bombe – der Feind hat eine Brücke in die Luft gesprengt. Alltag im Norden Afghanistans. Die Soldaten legen sich schlafen. Einige wälzen sich unruhig auf ihren Feldbetten hin und her. Andere starren stumpf an die Decke, hören Musik auf ihren iPods oder schauen einen Harry-Potter-Film auf einem Laptop an. Zeit verbrauchen.

Kurz vor Mitternacht geht ein Stöhnen durch das Lager, gefolgt von Flüchen. Männer wühlen sich aus ihren Schlafsäcken, schütteln ungläubig mit den Köpfen und wenige Minuten später wissen es alle: Die Aktion ist abgeblasen. Ohne afghanische Soldaten läuft nichts, zu gefährlich, hat das deutsche Führungskommando entschieden, drei Stunden vor dem Angriff auf Nahr-e Sufi.

Hauptmann Wolle tobt. Die Planung, das Training – alles umsonst. Die Deutschen hätten aktiv gegen die Extremisten vorgehen und für mehr Sicherheit sorgen können, dem Feind einen Schritt voraus sein. „Warum machen wir den Scheiß hier eigentlich, wenn unsere Verbündeten nicht kämpfen wollen“, schimpft einer und kickt seinen Kampfstiefel in einen Sandsack.

Die Deutschen kommen nicht, aber dafür kommen zu ihnen jetzt die Aufständischen, besetzen einen Operationsposten der Bundeswehr, den Bundeswehrsoldaten für den geplanten Angriff verlassen hatten, und vor dem Lager gehen dreizehn Kämpfer in Stellung. Andere Einheiten werden in Gefechte verwickelt, Mörsergranaten gehen auf deutsche Stellungen nieder, und Krallmeisters Zug steht im Lager bereit, die Soldaten notfalls freizuschießen. „Wir haben den Zugang zur Westplatte und einen Operationsposten verloren, einen Verwundeten, und die Taliban greifen jetzt uns an“, murmelt ein Soldat neben Krallmeister. Er macht eine Pause, bevor er weiterspricht: „Toll“.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben