Politik : Bundeswehr: Kein Indiz für "Balkan-Syndrom"

Das Bundesverteidigungsministerium hat bisher keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang zwischen der Leukämie-Erkrankung eines früheren Zeitsoldaten und dessen Einsatz in Bosnien-Herzegowina. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte am Sonnabend auf Anfrage, aus dem Einsatz bei einer Drohnen-Batterie in Mostar lasse sich nicht ableiten, dass der Soldat mit uranhaltiger Munition in Berührung gekommen sei. Trotzdem werde untersucht, wo genau sich der Mann bewegt habe. Sollten sich Hinweise auf Kontakt mit Uranmunition ergeben, werde "mit Sicherheit nichts vertuscht werden".

Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen 25-Jährigen aus Uelzen, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Er sei zwischen August und November 1997 als Unteroffizier in Mostar im Einsatz gewesen. Im Januar 1998 sei er an Leukämie erkrankt. Die Zeitung zitierte den jungen Mann: "Ich war sehr traurig, als die Bundeswehr bekannt gab, dass es keinen deutschen Soldaten gibt, der erkrankt ist. Denn sie wissen von mir." Der Mann wurde ein halbes Jahr in Oldenburg behandelt und gilt heute als geheilt.

Nach den Worten des Ministeriumssprechers gilt auch vor dem Hintergrund dieses Falls die Feststellung weiter, dass bislang in der Bundeswehr kein Auftreten von Leukämie bekannt sei, das in einen Zusammenhang zu bringen sei mit dem Einsatz uranhaltiger Munition auf dem Balkan. Er verwies darauf, dass die Bundeswehr dort bislang rund 50 000 Soldaten im Einsatz hatte. Es sei nicht korrekt, von einem "Balkan-Syndrom" zu sprechen. Auch der Chef des Bundeswehr-Verbandes, Oberst Bernhard Gertz, sagte: "Ich rechne damit, dass sich weitere Männer melden werden." Er glaube aber angesichts der Statistik nicht an eine "Kausalkette" mit Uran-Munition.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Margot von Renesse nannte den Einsatz uranhaltiger Munition ein Kriegsverbrechen und verlangte die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses des Bundestags. Möglicherweise sei das auch ein Fall für einen Internationalen Gerichtshof, schrieb Renesse in einem Gastkommentar für "Bild am Sonntag".

Mindestens acht Spanier sind nach einem Einsatz im ehemaligen Jugoslawien an Krebs erkrankt. Ein in Mazedonien stationierter Soldat, der sich ein Jahr nach den Nato-Bombenangriffen mehrfach im Kosovo aufgehalten habe, sei inzwischen gestorben, berichtete die Zeitung "El Mundo". In Italien gibt es nach offiziellen Angaben 18 Verdachtsfälle, die auf das so genannte Balkan-Syndrom hin untersucht werden. Das italienische Fernsehen berichtete unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Rom, dabei handele es sich um acht Krebs-Todesfälle und zehn Erkrankungen. Bei Untersuchungen und klinischen Tests soll geprüft werden, ob Soldaten bei Balkan-Einsätzen durch radioaktive Strahlung gefährdet wurden. Bei den etwa 5000 russischen Soldaten auf Friedensmission auf dem Balkan sind bislang keine durch Radioaktivität verursachten Krankheiten festgestellt worden, berichtete der Kommandeur der russischen Luftlandetruppen, Generaloberst Georgi Schpak.

Die Weltgesundheitsorganisation stellte nach dem Kosovo-Krieg keine Zunahme von Leukämie-Erkrankungen in der serbischen Provinz fest. Der Leiter der WHO-Mission im Kosovo, Erik Shouten, sagte, die WHO habe keine Informationen, die die Hypothese bestätigen könnten, "dass abgereichertes Uran mit Leukämie im Zusammenhang steht".

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar