Bundeswehr : Mit Waffenrock und Kippa

200 Juden dienen in der Bundeswehr – angesichts der früheren nationalsozialistischen Morde stoßen sie oft auf Unverständnis.

Volker Schubert

Berlin - Als Michael Fürst 1966 seinen Einberufungsbescheid zur Ausbildungskompanie 6/11 beim Fallschirmjägerbataillon 313 nach Wildeshausen bei Bremen erhielt, folgte er der Anordnung genauso wie 90 junge Männer aus ganz Deutschland. Darunter auch sein Flurkamerad Hans-Otto Budde – heute amtierender Inspekteur des Heeres. Für Fürst war die damalige Einberufung völlig normal. „Aufgewachsen bin ich als deutscher Jude, aber nicht vorrangig mit jüdischer Identität. So war das für mich eine Selbstverständlichkeit, die meiner Erziehung entsprach.“ Und auch das erste richtige Geld lockte, denn „als Fallschirmjäger gab’s 150 Mark Springerzulage“. Dennoch ist Fürsts militärische Ausbildung zum Fallschirmjäger-Reserveoffizier bis heute ungewöhnlich. Fürst ist seit 2006 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover – und gilt offiziell als erster registrierter jüdischer Bundeswehrsoldat.

Der 60-jährige Rechtsanwalt ist auch Ehrenvorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten (BjS-RjF), der sich 2006 unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundeswehrverbandes gründete. Der Beiname „RjF“ („Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“) erinnert dabei an institutionelle Wurzeln: 1919/20 als Soldatenbund „zur Wahrung der Ehre des jüdischen Frontsoldaten“ gegründet, zählte der Zusammenschluss einst rund 40 000 Mitglieder, bis er sich 1938 nach der sogenannten Reichskristallnacht auflöste.

In den Armeen des deutschen Kaiserreichs dienten während des Ersten Weltkriegs rund 100 000 Soldaten jüdischen Glaubens – Seite an Seite mit ihren christlichen Kameraden. 80 000 davon kämpften an der Front, 35 000 wurden für Tapferkeit ausgezeichnet, und 12 000 starben auf deutscher Seite. Die Fundamente jüdischer Soldatenexistenzen in deutschen Streitkräften reichen bis in die Zeit der anti-napoleonischen Befreiungskriege. In Expertenkreisen längst bekannt, sind die Überlieferungen jüdischen Soldatentums in der Öffentlichkeit kaum präsent – geschweige denn im gesamtdeutschen Geschichtsbild.

Wissen über jüdische Soldaten aufhellen und an gewachsene Traditionslinien anknüpfen, die während der Nazizeit durchtrennt wurden, das hat sich der BjS vorgenommen.

Kürzlich organisierte der BjS seine erste bundesweite Tagung zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Im Leo-Baeck-Haus in Berlin sagte der BjS-Vorsitzende Michael Berger, Hauptmann am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, dass „die rückhaltlose wie positive Resonanz der militärischen Führung der Bundeswehr“ die Richtigkeit für die Gründung des ersten jüdischen Soldatenbundes nach 1938 bestätigt habe. Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es heute wieder rund 200 jüdische Soldaten in der Bundeswehr, Tendenz steigend. Genaue Zahlen sind schwierig zu ermitteln, da die Religionszugehörigkeit bei der Einstellung nicht abgefragt werde und offenkundig lediglich später aufgrund praktizierter Speise- und Feiertagsvorschriften sichtbar werde. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, sieht in dem Umstand, dass junge deutsche Juden sich bei der Bundeswehr verpflichten, „keine unüberwindbare Hürde“ mehr, ein „hoffnungsvolles Signal“, das „zum Wohle“ des „deutschen Vaterlandes“ beitrage.

Allerdings sei der Dienst von Juden nach Einschätzung von BjS-Gründungsmitglied Gideon Römer-Hillebrecht, Oberstleutnant im Generalstab beim Führungsstab der Streitkräfte, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland wegen der nationalsozialistischen Mordtaten noch immer ein strittiges „Unthema“. So sieht Römer-Hillebrecht den BjS auch als Projektionsfläche mit dem Ziel, „vor allem zur Identitätsfindung und Standortbestimmung von Juden in Deutschland“ beizutragen. „Weil wir uns mit dem Dienst klar positioniert haben.“ Trotz mancher Vorbehalte spricht Römer-Hillebrecht der Bundeswehr sein Vertrauen aus: Selbst ein neo-orthodoxer Lebensstil sei mit dem Dienst vereinbar.

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