Bundeswehr : Rhetorische Lufthoheit

Krieg oder Friedenseinsatz? Gefallen oder getötet? Vom Streit um Worte – hierzulande und anderswo.

Marc Mudrak

Berlin - Nach dem Tod dreier Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ist ein Streit um die richtigen Worte entbrannt. Verteidigungsminister Franz Josef Jung sprach von „Gefallenen“, dementierte aber ausdrücklich, dass sich die Truppe in Afghanistan im „Krieg“ befinde. Helmut Prieß, der Sprecher der Soldatenvereinigung Arbeitskreis Darmstädter Signal, kann darüber nur den Kopf schütteln. „Deutsche Soldaten krepieren dort auf jämmerliche Weise, sie fallen nicht“, sagt er.

Auch in anderen Ländern, die Soldaten für die Isaf-Truppen stellen, gärt die Debatte über Art, Sinn und Unsinn des Engagements in Afghanistan. In Frankreich entscheidet laut Verfassung Präsident Nicolas Sarkozy, ob und wie viele Soldaten an den Hindukusch geschickt werden. Das Parlament kann nur über eine Kriegserklärung an einen anderen Staat entscheiden. Die wurde im Vorfeld des Afghanistankriegs aber nie erteilt. Der juristische Kniff hat politische Ursachen. Sarkozy will eine Abstimmung im Parlament verhindern, um sich damit die mühsame Überzeugungsarbeit und Fragen der Abgeordneten und der Öffentlichkeit zu ersparen. Deshalb sprechen der Präsident und sein Premierminister Francois Fillon lieber von einer „Wiederaufbaumission“.

In den Medien ist dabei ganz selbstverständlich von „la guerre“ – dem Krieg – die Rede. Kommt ein Militär ums Leben, wird er als „tué“ – getötet – bezeichnet. Seit im August 2008 zehn französische Soldaten in einem Hinterhalt ums Leben kamen, kippt die Stimmung im Land. Mittlerweile ist eine deutliche Mehrheit für einen Rückzug aus der Krisenregion.

In den USA zielt die Debatte vor allem auf die politische Mobilisierung. Nach dem 11. September erfand der damalige Präsident George W. Bush die Formel vom „war on terrorism“. Die Nation sah sich von Terroristen angegriffen. Selbstverteidigung war patriotische Pflicht. Während die Meinungen der US-Bürger über den Einmarsch im Irak schnell auseinandergingen, gilt der Afghanistaneinsatz noch heute vielen Amerikanern als guter und gerechter Krieg.

Die Kriegsrhetorik mobilisiert die Bürger und erhöht den Druck auf den Kongress, finanzielle Mittel bereitzustellen. Stirbt ein Soldat, wird das in amerikanischen Medien meist mit den Verben „killed“ oder „died“ beschrieben. Vor allem rechte und konservative Politiker versuchten immer wieder, die getöteten Soldaten zu Helden zu stilisieren.

Und die Bundeswehrsoldaten? Sind sie im Krieg oder im Stabilisierungseinsatz? Der Streit ist wegen der historischen Erfahrung unausweichlich. „Bestimmte Vokabeln wecken Ängste und sind vor allem mit dem Angriffs- und Vernichtsungskrieg Hitlers verbunden“, erklärt Michael Wildt, Zeitgeschichtler an der HU Berlin. „Die Rede vom gefallenen Soldaten sollte im 19. und 20. Jahrhundert das Opfer des Einzelnen für das Vaterland herausstellen“, sagt er. Deshalb rät Wildt, sparsam mit dem Begriff umzugehen. In der Frage, ob es sich in Afghanistan um einen Krieg handelt, fordert der Historiker eine offene Diskussion. In der Nachkriegsgesellschaft habe sich das Bewusstsein entwickelt, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Deshalb bedürften Auslandseinsätze der Bundeswehr immer einer besonderen Legitimation.

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