Politik : Bundeswehr: Sammelklage wegen Radarschäden

Claudia Lepping

Berlin. Eine Gruppe ehemaliger Techniker der Bundeswehr will in den USA eine Sammelklage gegen die Hersteller von Radargeräten einreichen. Der Berliner Fachanwalt für Verwaltungsrecht, Reiner Geulen, bereitet eine entsprechende Klage gegen amerikanische Firmen vor, die die Nato mit Radarsuchgeräten ausgerüstet haben. Bei der Klage, die sich unter anderem gegen die Großkonzerne ITT in New York und den Hawk-Hersteller Raytheon (Lexington) richten soll, geht es um den "Beweis des ersten Anscheins" und der "Ursächlichkeit" zwischen Arbeit und Erkrankung. Wie der Tagesspiegel berichtete, sind von 200 Mechanikern und technischen Beamten, die in den 70er Jahren zumeist ungeschützt und ungewarnt an stark strahlenden Ortungsgeräten der Bundeswehr arbeiteten, mehr als 50 Männer an Krebs gestorben und etwa 140 schwer erkrankt.

Die hohe Zahl krebskranker Radartechniker, die vor 20 und 30 Jahren jene Geräte gewartet, repariert und justiert haben, lässt auch aus Sicht von Strahlenphysikern die Vermutung zu, dass es einen Zusammenhang mit den Krebserkrankungen der Männer gibt. Bei der Entwicklung von Radar entsteht Röntgenstrahlung, die in hoher Dosierung menschliche Zellen verbrennt und noch Jahre später bösartige Tumore auslösen kann (www.medicine-worldwide.de). Auch das von der Bundeswehr in Auftrag gegebene Gutachten der Universität Witten-Herdecke hält in seinem "Endbericht zum Gutachten über gesundheitliches Risiko beim Betrieb von Radareinrichtungen in der Bundeswehr" fest: "Im Resultat kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die gesetzlich festgelegten Sicherheitsgrenzwerte für ionisierende Strahlung und auch gepulste Hochfrequenzstrahlung überschritten wurden."

Nach Ansicht Geulens, war die "Strahlenabschützung der aus den USA stammenden Geräte damals defizitär". Der ITT-Konzern ist heute neben anderen Firmen an der Entwicklung der geplanten Nationalen Raketenabwehr (NMD) der neuen US-Regierung unter George W. Bush beteiligt.

Die größten Versäumnisse allerdings liegen aus Sicht der Opfer bei der Bundeswehr und beim damals verantwortlichen Verteidigungsministerium. So wurden zum Beispiel Sicherheitswarnungen, die bereits Anfang der 60er Jahre von den betroffenen Technikern gemeldet worden waren, erst Ende der 80er Jahre als Sicherheitshinweise in die Zentralen Dienstvorschriften der Bundeswehr aufgenommen. Während ein Ministeriumssprecher im Februar im Tagesspiegel "Versäumnisse" einräumte, kündigte Bundesverteidigungsminister Scharping (SPD) eine "großzügige Regelung" an. Doch die nützt nur jenen Soldaten, die noch heute bei der Bundeswehr sind. 95 Prozent der Radarstrahlenopfer sind jedoch längst ausgeschieden und müssen sich durch die Instanzen klagen, wenn die Versorgungsämter ihre Anträge auf Wehrdienstbeschädigung ablehnen. Ums große Geld geht es nicht: Die monatliche Grundrente für Erwerbsunfähigkeit liegt zwischen 221 (bei 30 Prozent) und 1156 Mark (100 Prozent).

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