Bundeswehr : Üben für den Ernstfall am Hindukusch

Gefechtsmärsche, Gewässerüberquerungen und Angriffsoperationen: Eine Panzerbrigade trainiert für Afghanistan – ihr Kommandeur bemängelt die Ausrüstung.

Volker Schubert

Im Dörfchen Göttlin, an der unteren Havel, geht es turbulent zu – überall kreuzt Militärverkehr. Gerade hat das Pionierregiment 100 mit elf Amphibienfahrzeugen binnen 30 Minuten eine militärische Schwimmbrücke auf dem Flusslauf der Havel eingeschwommen, wie es auf Pionierdeutsch heißt. „Die am schnellsten zu verlegende Kriegsbrücke der Welt“, sagt der Reservist Oberst Hans-Werner Gorzolka, kurz bevor hunderte Panzer und Radfahrzeuge den provisorischen Flussübergang passieren.

Bis zur Wochenmitte hat die 1. Panzerdivision Gefechtsmärsche, Gewässerüberquerungen und Angriffsoperationen trainiert. 7500 Soldaten nahmen an der Großübung mit 1800 Fahrzeugen teil. Das Manöver, das sich weiträumig über Niedersachsen bis Brandenburg erstreckte, hatte einen konkreten Zweck: Ab Juli 2011 werden Teile der divisionseigenen Panzerlehrbrigade 9 in den Norden Afghanistans verlegt, als Teil der Nato-geführten internationalen Schutztruppe Isaf schließt der Auftrag – neben dem Schutz eigener Kräfte und des zivilen Aufbaus – den aktiven Kampf gegen die Taliban ein.

Nahe Göttlin wird es immer lauter. Aus Osten kommend brausen zwei Leopard-Kampfpanzer der künstlichen Furt entgegen. Sie wiegen 60 Tonnen, werden von einer 1500-PS-Turbine angetrieben und sind mit Minenschutz ausgestattet. Neben ihrer Geländegängigkeit und Fähigkeit zum Einsatz auch in der Nacht schätzen Militärs vor allem die 120-Millimeter-Bordkanone, die bis auf 3000 Meter genau ist. In ebendiese lasergestützten und treffersicheren Panzerkanonen sollten künftig Taliban blicken, wenn sie deutsche Isaf-Truppen angreifen – so wünschte es sich der neue Wehrbeauftragte, Hellmut Königshaus (FDP), kürzlich im Gespräch mit dem Tagesspiegel und erntete dafür viel Kritik. Auch bei Militärs ist die Forderung von Königshaus umstritten. Während Generalinspekteur Volker Wieker den Leo im Raum Kundus für nicht geeignet hält, sagt ein Offizier, der mehrfach im deutschen Einsatzgebiet in Nordafghanistan im Einsatz war: „Um Patrouille zu fahren, sind die Leos sicher nicht geeignet. Aber bei schweren Gefechten könnten sie eine weitere Option sein.“ Die Beschaffenheit der Region zieht für ihn als Gegenargument nicht. „Man weiß dann, wo gekämpft wird und ob schwere Panzer dort helfen können.“

Der Kommandeur des Verbands, Brigadegeneral Wilhelm Grün, sagt militärisch knapp: „Höchstens als Feldlagerschutz vorstellbar.“ Für Operationen im Raum Kundus sei der Leopard zu schwer und das Gelände zu zerschnitten. Zudem ließen sich die Taliban kaum effektiv mit Kampfpanzern bekämpfen. Deshalb favorisiert Grün die von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) veranlasste Entsendung der Panzerhaubitze 2000. In jedem Fall wird Grüns Verband 2011 mit mehr Panzerschutz und Feuerkraft nach Afghanistan verlegt werden: „Wir werden mehr Schützenpanzer Marder in den Einsatz schicken.“

Der wichtigste Wunsch des Kommandeurs wird aber im nächsten Jahr noch nicht erfüllt sein: „Wir brauchen vor allem Tiger-Hubschrauber.“ Dieser Kampfhubschrauber ist sehr flexibel und verfügt über Aufklärungssensoren und Waffensysteme, die bis zu acht Kilometer Tiefe reichen. Aber die deutsche Tiger-Variante befindet sich trotz Zusagen der Industrie noch immer in der Testphase. Wann die Hubschrauber in Afghanistan eingesetzt werden können, ist unklar. Und noch einen Mangel kritisiert Grün: Es gebe eklatante Defizite in der Ausbildung an Handwaffen, die in Afghanistan zum Einsatz kommen. „Zur Einsatzvorbereitung in Deutschland fehlen der Truppe leichte Maschinengewehre und die neue Maschinenpistole MP 7“, sagt der General. Gleiches gelte für das geschützte Transportfahrzeug Dingo, dass nur in Afghanistan ausreichend zur Verfügung stünde.

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