Politik : Bundeswehr wirbt bei Familien der Soldaten um Vertrauen

ANJA KÜHNE / GERD APPENZELLER

BERLIN/REGENSBURG .Eierlaufen und Dosenwerfen in der Kaserne - damit hält die Bundeswehr in Regensburg die Kinder bei Laune, deren Väter im Kosovo-Krieg eingesetzt sind.Die Ehefrauen der Soldaten bekommen inzwischen Zeit dazu, einander kennenzulernen und sich über ihre Ängste auszutauschen.Außerdem können die Angehörigen die Familienbetreuer der Bundeswehr rund um die Uhr nach der Lage am Einsatzort befragen und sich von ihnen bei Problemen aller Art helfen lassen - seien es die Zollvorschriften für ein Auslandspaket oder die Steuererklärung.

"Wir versuchen, ein Programm zu bieten und Ansprechpartner zu sein", sagt Sandra Arndt, die beim Kommando "Luftbewegliche Kräfte" in Regensburg etwa 320 Familien betreut.Mindestens einmal im Monat werden die Verwandten zu Wochenendtreffen eingeladen.Die Bundeswehr will mit ihren überall verteilten Anlaufstellen Vertrauen gegenüber der militärischen Führung aufbauen und erhalten.

Betreuungsstellen, wie die in der Regensburger Kaserne, hat die Bundeswehr seit dem Blauhelm-Einsatz der Bundeswehr in Somalia 1993 in ganz Deutschland eingerichtet, allein das Heer hat 47.Wenn Bundeswehrsoldaten für längere Zeit zu Einsätzen ins Ausland geschickt werden, stehen ihre Verwandten unter einem besonderen Druck, wie Oberstleutnant Hans-Ulrich Bäumlein, Leiter der Koordinierungsstelle des deutschen Betreuungsnetzwerks in Regensburg erklärt: "Die Familien sind mit den Auslandseinsätzen neuerdings Belastungen ausgesetzt, die bis vor wenigen Jahren bei der Bundeswehr völlig unbekannt waren."

Seit Mittwoch abend hat die Angst der Familien eine neue Qualität erreicht.Die Ehefrau eines Tornado-Piloten aus dem Aufklärungsgeschwader 51 im schleswig-holsteinischen Jagel beschreibt die Stimmung unter den Angehörigen der Soldaten als "angespannt".Am Dienstag wurde ihr Ehemann mit dem Geschwader "Immelmann" auf dem italienischen Stützpunkt Piacenza stationiert - die Sorgen wuchsen weiter, als am Mittwoch fälschlich über den Abschuß eines deutschen Flugzeugs berichtet wurde.Die vertrauensbildenden Maßnahmen der Bundeswehr mit ihrem Betreuungsnetz greifen bei der Ehefrau des Piloten nur bedingt: "Sollte sich das Schlimmste ereignen, erfahre ich es zuerst durch die Medien und nicht durch das Militär", sagt sie.Regelmäßig telefoniert sie mit ihrem Mann.Angehörige von Soldaten können für ihre Telefonate die Dienstleitungen der Bundeswehr benutzen."Die reden dann über das Wetter und die Unterkunft und wissen, es ist alles in Ordnung.Es ist gut, wenn man mal wieder die Stimme des anderen hört", so die Familienbetreuerin Arndt.Die meisten Soldaten hätten dazu ihre privaten Handys mit in den Krieg genommen.

Diese Tatsache berührt auch die gewohnten Kommunikationsstrukturen der Bundeswehr.Durch die Angehörigen sind die auf dem Balkan stationierten Bundeswehrangehörigen nicht nur über private e-Mails per Internet immer auf dem laufenden, sondern werden auch sofort über die innerdeutsche politische Diskussion informiert.Ein Bundeswehrinformant gegenüber dem Tagesspiegel: "Als der frühere Verteidigungsminister Rühe in einem Interview den Abzug der Bundeswehr aus Mazedonien forderte, riefen dort wenige Minuten später Hunderte von Freundinnen und Ehefrauen an und erzählten das den Soldaten."

Um die Familien so weit wie möglich zu entlasten, veranstalten die Betreuungsstellen der Bundeswehr schon rechtzeitig vor der Abreise Informationsabende für die Soldaten und ihre Verwandten.Hier gibt es beispielsweise Ratschläge zur Streßbewältigung oder zu dienstrechtlichen Fragen.Nicht mehr rechtzeitig hat das mit den Fernmeldern geklappt, die soeben nach Mazedonien und Bosnien verlegt wurden.Sie können dafür aber am kommenden Sonntag ins Betreuungszentrum kommen.Dort sollen sie Näheres über die Aufträge der Einheiten ihrer Verwandten erfahren.Und damit sich die Mütter und Väter, die Ehefrauen und Kinder auch vorstellen können, wie der Einsatzort aussieht, zeigt die Bundeswehr Video-Filme.Sozialberater, Psychologen und Militärgeistliche stellen sich als Ansprechpartner vor.Sie werden es auch sein, die die Familien gegebenenfalls vom Tod ihres Angehörigen unterrichten müssen."Die haben die Ausbildung und das Fingerspitzengefühl", sagt Arndt, "wir warten im Hintergrund, bis uns jemand um Hilfe bittet."

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