Bundeswehrsoldaten nach dem Afghanistan-Einsatz : Der Kampf nach dem Kampf

Immer mehr deutsche Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, nehmen sich das Leben Die Bundeswehr schweigt und erfasst längst nicht alle Fälle – das gefährdet auch die Familien der Rückkehrer.

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Schatten ihrer selbst. Etwa 1400 Bundeswehrsoldaten werden ihre Erlebnisse aus dem Einsatz nicht los, leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung.
Schatten ihrer selbst. Etwa 1400 Bundeswehrsoldaten werden ihre Erlebnisse aus dem Einsatz nicht los, leiden unter einer...Foto: picture alliance / dpa

Angela Merkel soll wissen, was aus ihrem Sohn geworden ist, sagt Eva-Maria G. Auf einem Handyfoto steht die Kanzlerin neben Wolf G. In Masar-i-Scharif war das. „Wo haben Sie denn den schönen Hut her?“, soll sie den Soldaten gefragt haben. So haben es Kameraden von Wolf G. erzählt. Wolf selbst habe nach seiner Rückkehr aus Afghanistan im Sommer 2012 kaum über den Einsatz gesprochen, sagt die Mutter. Am 9. September 2013 hat sich Wolf G. in seiner Wohnung erhängt. Er wurde 30 Jahre alt. „Ich will weder der Kanzlerin noch der Bundeswehr einen Vorwurf machen“, stellt die Mutter klar, „aber die Politiker müssen doch wissen, was der Einsatz aus den Soldaten macht.“

Wolf sei nach Afghanistan nicht mehr derselbe gewesen, erzählt sie. „Vorher war er ein perfekter Kavalier, doch nun witterte er überall Verrat und Betrug, war aggressiv und herrschsüchtig.“ In der Beziehung zu seiner Freundin habe es daher heftig gekriselt. Eva-Maria G. riet ihrem Sohn dringend zu einer Therapie, doch er habe abgelehnt. „Er sagte: Das steht dann ja in meinen Akten und versaut mir die Karriere.“ Nicht einmal dem Militärseelsorger habe sich Wolf anvertrauen wollen.

Angela Merkel auf einem Handyfoto mit Wolf G. in Afghanistan.
Angela Merkel auf einem Handyfoto mit Wolf G. in Afghanistan.Foto: privat

Im Dienst sei es Wolf bis zuletzt gelungen, das Image des starken Soldaten aufrechtzuerhalten, dort habe er funktioniert. Doch privat sei er „völlig von der Rolle gewesen“. „Das hat er irgendwann wohl realisiert und dann keinen Ausweg mehr gesehen“, vermutet die Mutter, die nun selbst eine Therapie macht, um mit dem Tod des Sohnes fertig zu werden.

Eva-Maria G. ist nicht die einzige Soldatenmutter, die um ihren Sohn trauert. Immer mehr Einsatzheimkehrer nehmen sich das Leben. „Allein ich kenne vier Kameraden, die Suizid begangen haben“, sagt Robert Sedlatzek-Müller. Der Stabsunteroffizier ist durch seine Einsätze im Kosovo und in Afghanistan traumatisiert und seit Jahren in psychologischer Behandlung. Über seinen Leidensweg hat er das Buch „Soldatenglück. Mein Leben nach dem Überleben“ geschrieben. Gerade hat er außerdem einen Veteranenverband, Combat Veteranen (Germany), gegründet.

Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Sedlatzek-Müller leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). „Diese Männer und Frauen werden ihre Erinnerungen nicht mehr los“, erklärt Karl-Heinz Biesold. Der frühere Bundeswehrarzt leitete lange die psychiatrische Abteilung des Hamburger Bundeswehrkrankenhauses. Inzwischen ist er im Ruhestand, kümmert sich aber weiter um traumatisierte Soldaten und deren Familien. Schon einfache Alltagssituationen, wie Stress im Straßenverkehr, können die Soldaten mental in den Einsatz zurückkatapultieren und unkontrollierbare Aggressionsschübe auslösen. „Auch Angstzustände und Depressionen sehen wir bei ehemaligen Einsatzsoldaten“, sagt Biesold. Leider ließen sich nicht alle Soldaten mit psychischen Störungen behandeln. Dann werde die Krankheit chronisch. „Die Betroffenen ziehen sich zurück, können am Alltag nicht mehr teilhaben.“ 2013 waren mehr als 1400 Soldaten wegen PTBS in Behandlung, die tatsächliche Zahl der Erkrankten liegt laut einer Studie mindestens doppelt so hoch.

Doch selbst Soldaten, die sich in Therapie begeben, zerbrechen an ihren Erlebnissen. „Unsere Liebe zu ihm hat ihn nicht halten können“, hat die Familie von Patrick S. in ihrer Traueranzeige formuliert. Ihr Sohn und Bruder wurde nur 29 Jahre alt. Nach seinem Afghanistan-Einsatz wurde bei ihm die Diagnose PTBS gestellt. Im Juni setzte er seinem Leben ein Ende. Einige Monate vor ihm starb Wolfgang C., auch er ein Afghanistan-Veteran, den die Therapie nicht retten konnte.

Nach Tagesspiegel-Informationen hat auch ein Soldat der deutsch-französischen Brigade Suizid begangen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es aber nicht. Der PTBS-Beauftragte der Bundeswehr, Brigadegeneral Klaus von Heimendahl, ruft zwar auf Anfrage zurück, über Suizide von Einsatzheimkehrern will er aber keine Auskunft geben und beendet das Gespräch gleich wieder. Sedlatzek-Müller spricht von einer „Mauer des Schweigens“ bei der Bundeswehr, wenn es um das Thema Selbstmord von Einsatzsoldaten geht.