Politik : Bunte Basis

Türkisch-deutsche Politiker haben das erste bundesweite Forum gegründet

Andrea Dernbach

Berlin - Zum ersten Mal haben türkisch-deutsche Politiker ein überregionales und parteiübergreifendes Netz geknüpft, um ihre Anliegen und die anderer Migranten in Deutschland zu vertreten. In dem Forum mit dem etwas sperrigen Namen „Netzwerk türkeistämmiger MandatsträgerInnen“ haben sich vor allem Frauen und Männer aus Länder- und Kommunalparlamenten zusammengeschlossen. Aber auch Bundestags- und Europaabgeordnete wie der Grüne Cem Özdemir sind dabei – vom Bezirksabgeordneten der Linkspartei in Friedrichshain-Kreuzberg bis zum Regensburger CSU-Stadtratsmitglied. Das kam der bunten Truppe am Anfang selbst etwas spanisch vor. „Ich dachte, wie kann man sich als Migrant nur in CDU oder CSU engagieren“, sagt die Hamburger Grüne Filiz Demirel. Doch dann entdeckte sie: „Wir sind gerade in Fragen der Migration und Integration in vielen Fragen einig.“ Dass etwa die deutsche Schule dringend reformiert werden müsse, ergänzt ihr Parteifreund Burak Copur, Stadtrat in Essen, „ist bei uns Konsens von der PDS bis zur CSU“.

Dass es sich dabei vor allem um die jeweilige Basis und noch kaum um Spitzenpolitiker handelt, halten die türkisch-deutschen Netzwerker eher für einen Vorteil. Schließlich gelte auch für die Integration: „In den Kommunen spielt die Musik“, sagt Ergun Can in gepflegtestem Honoratiorenschwäbisch. Er ist seit 43 Jahren Stuttgarter und sitzt für die SPD im Stadtrat. Das in den Kommunen gesammelte Wissen und die Erfahrungen bietet man auch für den Integrationsgipfel an, zu dem die Kanzlerin eingeladen hat. Der Brief an Angela Merkel sei unterwegs.

Bleibt die Frage, warum es so lange gedauert hat mit dem Vernetzen der größten Migrantengruppe in Deutschland und warum die Hamburger Körber-Stiftung den Anstoß geben musste, die das Unternehmen weiter unterstützt und finanziert. Der deutsch-türkische Anwerbevertrag wird im Oktober immerhin schon 45 Jahre alt. Musa Özdemir, der vor 30 Jahren als Student nach Deutschland kam, sieht den Grund dafür vor allem im Weggucken der Mehrheitsgesellschaft: „Wir konnten bis Mitte der 80er Jahre keinen davon überzeugen, dass die Leute hierbleiben würden.“ Erst als immer mehr Türken sich einbürgern ließen und folglich nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden konnten, sei man vorangekommen. „Die Wahlen haben uns demokratisch legitimiert.“ Die großen Lücken der Integration sind aber auch für die noch spürbar, die sich eine Existenz aufgebaut haben und perfekt deutsch sprechen: „Akzeptiert zu werden, dauert ewig lange“, seufzt Ayse Jerfi Hein. Ihre CDU hat noch immer keinen Migranten ins Hamburger Landesparlament, die Bürgerschaft, geschickt. „Kennedy hat einmal gesagt ’Ich bin ein Berliner’ und man hat ihm geglaubt“, sagt Musa Özdemir. „Ich sage es jeden Tag, aber uns glaubt man es nicht.“

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