Politik : …Bush blank dasteht

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Die Stadt Mainz ist berühmt für mehrere Dinge, unter anderem die Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg, das ZDF, Mainz 05 sowie die Mainzer Fastnacht. Am 23. Februar wird Mainz außerdem dafür berühmt sein, dass sich an diesem Tage dort George W. Bush aufhält, um mit Gerhard Schröder eine Art Versöhnung hinzubekommen. Für den Deutschlandbesuch des amerikanischen Präsidenten, den man wohl ohne Übertreibung eine „stark umstrittene Persönlichkeit“ nennen darf, wurde als Hauptstation Mainz erkoren, statt Berlin, weil dort eine „cosy atmosphere“ herrsche. Mit anderen Worten eine gemütliche, der Versöhnung zuträgliche Atmosphäre, und für dergleichen ist Berlin selbst bei seinen leidenschaftlichsten Freunden niemals berühmt gewesen.

Wenige Tage vor dem BushBesuch, am 7. Februar, findet in Mainz der Rosenmontagszug statt. Bei diesem Zug soll auch ein so genannter „Motivwagen“ mitrollen, den amerikanischen Präsidenten als Pappfigur mit heruntergelassener Hose zeigend. Bush reckt sein unbekleidetes Hinterteil einer in hineinschlüpfender Absicht herbeieilenden Angela Merkel entgegen, unter dem Hinterteil befindet sich ein Schild mit der Aufschrift „Wiedereröffnung“. Das vermutlich auf Angela Merkels Pro-Irak-Kriegs-Haltung anspielende Figurenensemble, dem man gedankliche Tiefe und argumentative Differenziertheit gewiss nicht bescheinigen kann, was übrigens bei der Meenzer Fastnacht insgesamt der Fall ist, hat nun erstmals seit Menschengedenken einen politischen Fastnachtsstreit ausgelöst. Die Mainzer CDU-Bundestagsabgeordnete Ute Granold fordert, den Motivwagen nicht zu zeigen, auch, weil dies dem Gast Bush gegenüber eine wenig höfliche Geste sei, von Angela Merkel einmal ganz zu schweigen. In der Lokalzeitung und im Internet sagen nicht wenige Mainzer, häufig solche, die eher der CDU zuneigen: Der Wagen sei „ekelhaft“, „unterste Schublade“, außerdem nehme bei der Mainzer Fastnacht „das Niveau von Jahr zu Jahr ab“, ein Satz, der zweifellos richtig ist, und zwar seit mindestens 150 Jahren. Der Druck ist groß, aber bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hat ihm Ady Schmelz widerstanden. Ady Schmelz, ein FDP-Mitglied, ist als Zugmarschall bei solchen Fragen in Mainz die höchste Instanz.

Erstmals seit den Tagen der 1848er Revolution gibt es also bei der Mainzer Fastnacht so etwas wie eine politische Grundsatzdebatte. Zwar ist George Bush die Demokratisierung des Mittleren Ostens noch nicht ganz gelungen. Bei der Demokratisierung der Mainzer Fastnacht aber macht er Fortschritte. Noch dazu ohne Militäreinsatz! mrt

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