Politik : Bush staunt über das bunte China

Harald Maass

Ob Jiang Zemin den Damen der US-Regierung auch rote Rosen überreicht hat, ist nicht überliefert. Beim Staatsbankett mit Präsident George W. Bush zeigte sich der mächtigste Mann Chinas jedoch ganz als Charmeur. Das Safran-Hühnchen war noch nicht verdaut, da winkte Jiang einen Akkordeonspieler herbei und begann, auf Italienisch "O sole mio" zu singen. Davor hatte der 75-Jährige schon mit Bushs Ehefrau Laura und der Sicherheitsbeauftragten Condoleezza Rice zu den Weisen der Band der Volksbefreiungsarmee getanzt.

Es war ein Besuch ganz im Zeichen der Harmonie, mit dem Bush seine Asienreise in China beendete. Und es war eine Bildungsreise. Außer einer Kurzvisite zur Apec-Konferenz im Herbst in Schanghai war Bush vor 27 Jahren zuletzt in China gewesen. Er hatte seinen Vater besucht, der die US-Vertretung in Peking leitete. Er erlebte das China der Kulturrevolution. Ein in sich zerrissenes Land, gefangen im ideologischen Wahn. "1975 hatten alle die gleiche Kleidung an", erzählte er am Freitag den Studenten der Tsinghua-Universität. Das sei ihm am meisten in Erinnerung geblieben. Das China der blauen Mao-Anzüge. "Heute wählen die Menschen ihre Kleidung selbst aus", sagte Bush. Er schien ehrlich erstaunt darüber.

Der zweitägige Besuch in Peking hat Bush die Augen für den Wandel in China geöffnet. Aus dem einst sozialistisch-grauen Peking, durch das er als junger Mann mit dem Fahrrad fuhr, ist eine moderne Weltstadt geworden, mit Hochhäusern, McDonalds-Ketten und Starbucks-Cafes. Er habe "atemraubende" Veränderungen in China erlebt, erklärte Bush den chinesischen Studenten. "Das Wichtigste ist dabei die menschliche Dimension, dass die Menschen frei sind, selbst zu entscheiden."

Politisch mag bei dem Staatsbesuch nicht viel herausgekommen sein. In der Frage der Verbreitung von Raketen- und Waffentechnik konnte Bush die chinesische Führung zu keinen Zugeständnissen bewegen. Jiang Zemin warnte die USA - verpackt in einer chinesischen Redewendung - vor voreiligen militärischen Schritten gegen den Irak. "Mit einem Spaten kann man keine keinen Brunnen graben", sagte Jiang, der innerhalb des nächsten Jahres von seinen Ämtern zurücktreten wird. Auch in der Taiwanfrage prallten die Meinungen aufeinander. Als erster US-Präsident seit vielen Jahren bekannte sich Bush in Peking öffentlich zum sogenannten "Taiwan Relations Act", mit dem Washington sich zu Waffenlieferungen an Taiwan verpflichtet.

Nach seiner Rede vor den Studenten, in der Bush Amerikas Werte und Ideologie verteidigte, gab es freilich nur wenig Applaus. Stattdessen musste sich Bush kritische Fragen zu dem Wohlstandsgefälle und anderen Problemen in seinem Land gefallenlassen. Wie er denn gedenke, die "Menschenrechtssituation in den USA zu verbessern", wollte ein Student wissen. Für Bush, der vor einem Jahr noch Peking zum Gegenspieler der USA erklärt hatte, könnte dieser Besuch dennoch ein Auslöser für eine neue Chinapolitik sein. Zum Teil hat Washington seine Politik schon nach dem 11. September korrigiert. "China ist auf dem Weg nach oben, und Amerika begrüßt ein starkes, friedliches und wohlhabendes China", erklärte Bush.

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