Politik : Bushs Amtseinführung: Die Parade soll kein Triumph-Marsch werden

Malte Lehming

In sieben Tagen wird er seine rechte Hand zum Schwur erheben und anschließend der 43. Präsident der Vereinigten Staaten sein - sowie der erste Sohn eines Ex-Präsidenten in diesem Amt seit 1824. Und ausgerechnet der Mann, von dem viele Amerikaner behaupten, er habe George W. Bush erst zur Präsidentschaft verholfen, nämlich der Oberste Richter des Obersten Gerichtshofes in Washington, wird Bush den Eid abnehmen. Vieles also wird anders sein bei dieser Inauguration als sonst.

Doch alle werden dabei sein: der Vater des neuen Präsidenten, der von dem scheidenden Präsidenten vor acht Jahren aus dem Amt gejagt worden war, dessen Vize-Präsident wiederum von dem Sohn geschlagen wurde. 15 000 Fernseh- und Rundfunkreporter, Fotografen und Korrespondenten aus aller Welt werden dieses Großfamilienbild einfangen und beschreiben wollen. Mehrere hunderttausend Menschen werden die Zeremonie live verfolgen. Und mehrere zehntausend Menschen werden protestieren gegen das, was sie den "Raub" der Präsidentschaft nennen.

Proteste gab es höchst selten in der turbulenten, mehr als 200-jährigen amerikanischen Geschichte. Spätestens am Tag der Inauguration war jeder Streit vergessen, fand das Land wieder friedlich zusammen. Eine Ausnahme bildete bislang nur die Nixon-Ära, weil sie in die Zeit des Vietnam-Krieges fiel. Doch selbst da richtete sich der Unmut weniger gegen den Präsidenten als gegen das System und den Krieg. 1968 beschlossen sogar einige Studentenorganisationen, sich nicht an den Demonstrationen zu beteiligen, damit nicht der Eindruck entstehe, sei seien gegen Nixon, statt "gegen den Krieg, den Kapitalismus und die gesamte amerikanische Regierung". 1973 dann, kurz nach der amerikanischen Bombardierung von Hanoi, erlebte man in Washington die größte Demonstration, die es je während einer Inauguration gab. 25 000 bis 100 000 Vietnamkrieg-Gegner zogen durch die Stadt.

Bei der ersten Inauguration im neuen Jahrtausend rechnen die Organisatoren nun mit der zweitgrößten Demonstration in der US-Geschichte. Zum ersten Mal wird es daher strenge Sicherheitskontrollen geben, die jeder Besucher passieren muss. Sämtliche Taschen werden überprüft. "Wir wissen, dass viele Menschen wegen der Wahl verärgert sind und ihrem Ärger Luft machen wollen", sagte am Mittwoch der Chef der zuständigen Spezialpolizei gegenüber der "Washington Post". Auf der einen Seite stehen diverse Bürgerrechtsorganisationen, die unter anderem eine alternative Inauguration veranstalten wollen. Auf der anderen Seite hat die religiöse Rechte ihre Anhänger zum "patriotischen Marsch" aufgerufen. "Jetzt fehlt nur noch, dass es schneit, dann ist das Chaos perfekt", meint ein Mitarbeiter des Inaugurations-Komitees besorgt.

Jeanne Johnson Phillips ist die Chefin des Komitees, das aus 400 festen Mitarbeitern und 1500 Freiwilligen besteht. Phillips kämpft vor allem gegen die Zeit. Wegen der Rechtsstreitigkeiten nach der Wahl konnten die Planungen erst fünf Wochen später beginnen als sonst. Dabei mussten 55 000 Einladungen und Programme verschickt und mehr als 200 000 Eintrittskarten gedruckt werden. Außerdem tanzen am Abend des 20. Januar die Menschen auf acht verschiedenen Bällen in Washington , die der Präsident und seine Gattin nacheinander besuchen werden. Vorher gibt es ein Mittagessen im Weißen Haus und davor eine anderhalbstündige Parade, die vom Kapitol, wo die Inauguration stattfindet, über die Pennsylvania Avenue zum Weißen Haus führt.

Phillips arbeitet 18 Stunden am Tag. Sie war schon an der Inauguration von Vater Bush beteiligt, seitdem verehrt sie die Familie. 1990 sollte die blonde Texanerin ein Abendessen für den Vater organisieren, das ausgerechnet auf den Tag ihrer Hochzeit fiel. Prompt rief sie ihren Verlobten an und verschob den Termin um eine Woche. Jetzt hängt in dem Büro der 46-Jährigen eine Karte, auf der sie dem Besucher erklärt, wie die etwa tausend engen Freunde der Bush-Familie mit Bussen erst zur Zeremonie, dann zur Parade und schließlich zum Weißen Haus gebracht werden sollen. "Wir wollen gemeinsam den amerikanischen Geist feiern", sagt Phillips immer wieder. Die Feierlichkeiten sollen "versöhnlich" sein. Tunlichst vermieden wird alles, was die Gemüter weiter aufheizen könnte. Mit anderen Worten: Phillips plant ein Wunder - die erste Parade eines Republikaners, die ohne Triumph-Beigeschmack über die Bühne geht.

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