Politik : Cameron will das Glück der Briten messen

von
Foto: AFP
Foto: AFPFoto: AFP

London - Ungerührt davon, dass er das Wohlbefinden des Landes durch drakonisches Sparen drückt, Studenten diese Woche aus Protest gegen die Verdoppelung der Studiengebühren wieder Straßen blockierten und Briten überhaupt mit Sorge in die Zukunft sehen, will er britische Premier David Cameron das Wohlbefinden seines Landes mit einem neuen „Glücksindex“ messen. Oder gerade deshalb? „Wir müssen einsehen, dass in sich selbst gemessen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein unvollständiges Maß für den Fortschritt ist“, sagte Cameron, als er am Donnerstag dem Nationalen Statistikamt ONS den Auftrag gab, den neuen Index vorzubereiten. Als erstes Land der Welt wird Großbritannien ab dem Frühjahr der quantitativen Wohlstandsmessung im BIP einen Index der Lebensqualität zur Seite stellen.

Wachstum bleibe weiterhin das zentrale Anliegen der Regierung, betonte Cameron. Dann zitierte er aus einer 40 Jahre alten Rede von Robert Kennedy, dem jüngeren Bruder des ermordeten US-Präsidenten: „Das BIP misst nicht die Gesundheit unserer Kinder, die Qualität ihrer Erziehung, die Freude, die sie beim Spielen haben. Es misst nicht unsere Weisheit, unsere Bildung, unser Mitgefühl und unsere Vaterlandsliebe. Es misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht.“ Was das ist, soll nun Chefstatistikerin Jil Matheson herausfinden. Dafür hat sie zwei Millionen Pfund aus der knappen Staatskasse bekommen. Sie will die Briten direkt fragen, was im Leben zählt.

Glücksindikatoren sollen mehr leisten, als das schwächelnde Wirtschaftswachstum westlicher Gesellschaften gegenüber den Wachstumsriesen wie China und Indien zu beschönigen. Sie sollen politische Entscheidungen prägen. „Erst wenn etwas gemessen wird, fangen wir an, darüber zu debattieren“, sagteCameron. Verhaltensforschung hat in Großbritanniens Politik immer schon eine Rolle gespielt. Seit 40 Jahren beschreibt das Statistikamt „soziale Trends“. Großbritanniens progressive Gesetzgebung in ethisch heiklen Bereichen wie Abtreibung, der künstlichen Befruchtung oder Stammzellenforschung hat darin ihren Ursprung. Sie bezog sich nie auf absolute ethische Positionen, sondern die Akzeptanz der Regeln im Moralempfinden der Bevölkerung. Cameron kritisierte etwa Marketingkampagnen, die auf Kinder gerichtet sind oder für billigen Alkohol werben, weil sie Profitsucht vor gesellschaftlichen Fortschritt stellen. Matthias Thibaut

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar