Politik : Carola Stern: Schonungslos offen

Hermann Rudolph

Die Eröffnung der Publizistin Carola Stern, sie habe einst für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet, ist nicht das Hauptthema dieses Buches. Wirklich nicht. Doch es mag bei unser aller Fixierung auf Knalleffekte - noch dazu aus der Welt der Spionage - gar nicht zu vermeiden sein, dass sich diese Affäre in den Vordergrund drängt. Es kann auch sein, dass das späte Bekenntnis ein wenig am Image der Schriftstellerin kratzt, die für viele so etwas wie eine moralische Instanz geworden ist. Für manche ihrer Bewunderer, zumal Linke mag die Arbeit für einen Geheimdienst - erst recht den amerikanischen - noch immer etwas Anrüchiges haben. Und ein bisschen wundern darf man sich schon, dass Carola Stern so spät mit ihrem Geheimnis herausgerückt ist. War es so peinlich, einzuräumen, dass ihre Abkehr vom Kommunismus keine war, schon gar nicht die große Feuerprobe, die diese für viele Intellektuellen im Nachkriegseuropa darstellt, sondern eine menschliche Affäre camoufliert? Aber eine Mata Hari ist Carola Stern nun wahrhaftig nicht gewesen. Die Tätigkeit für den Geheimdienst bleibt eine Episode in ihrem Leben.

Diese paar Jahre, in denen sie als Auge und Ohr vermutlich des CIC in der SED-Parteischule in Kleinmachnow saß, geben ja vor allem einen Eindruck von der Ratlosigkeit des jungen Mädchens aus der pommerschen Provinz, das Carola Stern damals war. Sie beleuchten jene Zusammenbruchsgesellschaft, in der alle um das Überleben kämpfen und aus der erst langsam neue Strukturen heraus gewachsen sind. Man kann sich - vermutlich - den Zusammenprall der Begeisterungsfähigkeit dieser Halbwüchsigen und der zerbrochenen Nachkriegswelt gar nicht bedrückend genug vorstellen. Hatte diese doch eben noch als Jungmädelführerin im nationalsozialistischen Brimborium von Weihe-Versen und Führer-Kult ihre Erfüllung gefunden. Das Angebot aus dem fern-nahen, imponierenden West-Berlin wirkt da wie die Versprechung einer anderen Welt. Nicht Überzeugung, nicht einmal Berechnung, sondern die Misere einer Jugend machen sie zur Agentin.

Das "Doppelleben", das diese Autobiographie verspricht, bekommt seinen Sinn deshalb kaum durch die Spionage, auf die der Titel wohl dem Klischee folgend anspielen soll. Treffender wäre es zu beziehen auf das Leben von Erika Assmus - wie Carola Stern mit bürgerlichem Namen heißt -, dem vaterlosen Mädchen aus einem Dorf auf Usedom mit seiner "bescheuerten Gläubigkeit", und jener Carola Stern, einer namhaften Journalistin dieser Republik. Es wäre das biographische Miteinander einer Jugend, die nicht glücken will, und dem Gelingen des Lebens in seiner reiferen Hälfte. Es ist die Geschichte, wie jemand sich in den Fängen von Angst und Unsicherheit windet, und doch damit zu leben lernt, ja, aus der Überwindung der eigenen "Lebensschäden" (Stern) sogar Kraft und Mut gewinnt.

Dass eine bekannte Publizistin, eine öffentliche Figur, sich in diesem Buch in gelegentlich schonungsloser Offenheit auf ihr Leben einlässt, auf seine Schwächen, seine Sehnsüchte, seine Gefahren des Scheiterns - das macht sein eigentliches Wagnis aus. Es ist eine verworrene Mischung, die sich da als Lebensstoff vor dem Leser ausbreitet. Die Autorin zeigt ein großes Bedürfnis, sich zu produzieren, und stößt an die Grenzen, die Herkunft und Natur diesem Verlangen setzen. Es widerstreiten die Entschlossenheit, sich zu exponieren, und die Empfindsamkeit einer schönen Seele. Mit Rührung erkennt man dahinter noch immer den Schatten des Kindes, das vom Auftritt als Tänzerin träumt, jedoch mit krummen Beinen geschlagen ist.

Zweiter Anlauf zur Autobiographie

Es ist der zweiten Anlauf zur Autobiographie, den Carola Stern - selbst Autorin erfolgreicher Biographien - macht. Der erste, "In den Netzen der Erinnerung", eine Doppelbiographie mit ihrem Mann Heinz Zöger endete 1945, dieser geht aufs Ganze - in doppelter Hinsicht. Aber Carola Stern wäre nicht die passionierte Zeitgenossin, die sie ist, wenn dieses Mit-sich-selbst-ins-Gericht-Gehen nicht auch die Zeit, ihre Zeit, unsere Zeit transportierte. Die frühen Jahre der DDR gewinnen ein knappes Gesicht - es waren, findet sie, die "schrecklichsten" Jahre dieses Staatswesens, die Frontstadt West-Berlin, später Köln als ein eigener, lebendiger und lebenswerter Gravitationspunkt der Bonner Republik. Viele Namen und Charaktere, einige inspirieren sie zu wirklichen Kabinettsstücken. Ernst Richert zum Beispiel, der vergessene Gründervater der DDR-Forschung, eine liebenswürdige, exzentrische Gestalt, der die junge Frau mit intellektuellen Exkursen und Exkursionen ins Nachtleben traktiert. Oder Joseph Caspar Witsch, der Verleger: Carola Sterns Schilderung einer Produktionskonferenz im Verlag Kiepenheuer und Witsch, in dem sie als Lektorin endlich festen Boden unter die Füss bekam, ist ein hinreißendes Stück Prosa.

Der Rest sind Geschichten, Eindrücke, Erfahrungen: Der WDR-Hörfunk in seinen besten Zeiten wird für einen Augenblick dem Vergessen entrissen - er wird das Forum der Kommentatorin Carola Stern. Mit Sympathie zeichnet sie das Beziehungsgeflecht der Heinemann, Böll, Rau nach, was ihre eigentliche Stärke ist. All die Strömungen, die vom Ende der sechziger Jahre an den Zeitgeist vorangetrieben haben, von der Ostpolitik bis zur Friedensbewegung, tauchen auf, denn sie war immer dabei. Dann, nach der Wiedervereinigung: Berlin als die Landschaft des Alters, die Rückkehr in die Heimat, der Tod des Gefährten. Rest? Keine Rede davon: Ein Stück unserer Geschichte, gesehen aus dem Blickwinkel eines Lebens.

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