Casdorffs Agenda : Der Irrsinn der Geschichte

In Zeiten des Terrors fühlen wir uns, als wäre die Welt verrückt geworden. Ein Blick in die Bücher zeigt aber, dass diese Wirren Teil der Geschichte sind.

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Blumen und Kerzen am Ort des Anschlags an der Gedächtniskirche.
Blumen und Kerzen am Ort des Anschlags an der Gedächtniskirche.Foto: Britta Pedersen/dpa

Vielleicht ist das alles ganz normal. Vielleicht haben wir uns nur der Tatsache entwöhnt, dass die Geschichte Zeiten voller Unrast kennt. Oder überhaupt Unrast eher der Normalzustand ist.

Über den "Inhalt der Geschichte" schrieb Gottfried Benn im Jahr 1943: "Um mich zu belehren, schlage ich ein altes Schulbuch auf, den sogenannten kleinen Ploetz: Auszug aus der alten, mittleren und neuen Geschichte, Berlin 1891, Verlag A. G. Ploetz. Ich schlage eine beliebige Seite auf, es ist Seite 337, sie handelt vom Jahre 1805. Da findet sich: einmal Seesieg, zweimal Waffenstillstand, dreimal Bündnis, zweimal Koalition, einer marschiert, einer verbündet sich, einer vereinigt seine Truppen, ... einer rückt heran, ... einer eröffnet etwas glänzend, ... einer marschiert auf den Rhein zu, einer durch ansbachisches Gebiet, ... einer wird hingerichtet, einer tötet sich... alles dies auf einer einzigen Seite, das Ganze ist zweifellos die Krankengeschichte von Irren."

So weit wollen wir nicht gehen. Aber zumindest so weit zu sagen: Wer an dem Sinn des Handelns eines Teils der Menschheit zweifelt, ist darum noch nicht irrsinnig. Vielleicht ist der nur normal.

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