Politik : Castor-Transporte: Diskrete Atomlieferung

Aus Atomanlagen in Hanau und Karlsruhe ist nach Angaben der Pariser Zeitung "Le Monde" mehrfach radioaktives Material in die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gebracht worden, ohne dass die Öffentlichkeit informiert wurde. Insgesamt habe es im Sommer 2000 vier Transporte "in größter Diskretion" gegeben, berichtete die Zeitung am Mittwoch unter Berufung auf das auf Atomthemen spezialisierte Untersuchungsbüro Wise-Paris. Die Transporte seien gemäß einer Vereinbarung erfolgt, die 1997 mit der staatlichen französischen Wiederaufarbeitungsfirma Cogema geschlossen worden sei. Insgesamt habe das Bundesamt für Strahlenschutz 15 derartige Transporte genehmigt.

Laut Cogema handelt es sich bei dem Material um so genannte Lagerelemente, die nicht als "Atommüll" bezeichnet werden könnten. Nach Angaben des Pariser Wise-Chefs Mycle Schneider wurden bei den vier Transporten im August und September jedoch 154 Kilogramm hochradioaktives Plutonium und 3927 Kilogramm Uran nach La Hague gebracht. Das Material sei in Lastwagen und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen transportiert worden. Es stammte demnach aus der 1991 stillgelegten Atomfabrik Nukem im hessischen Hanau sowie aus dem Atomforschungszentrum Karlsruhe.

Ein Cogema-Sprecher bestätigte, dass bei den 15 genehmigten Transporten insgesamt 545 Kilogramm hochradioaktives Plutonium nach La Hague geliefert werden sollten. Auch in diesem Jahr werde es voraussichtlich solche Transporte geben. Vorerst verfüge die Firma nicht über die Genehmigung, das Material wiederaufzuarbeiten. Sie werde aber erwartet.

Die französische Regierung hatte erklärt, nach La Hague dürfe nur dann Atommüll aus Deutschland geliefert werden, wenn die deutsche Seite ihrer Rücknahmeverpflichtung nachkomme. Das war seit dem Stopp der Castor-Transporte 1998 nicht der Fall. Beim deutsch-französischen Spitzentreffen vor zwei Wochen in Straßburg hatten Paris und Berlin jedoch den Atomstreit beigelegt und neue Rücktransporte nach Deutschland für Ende März oder Anfang April vereinbart.

Die Brüsseler EU-Kommission erwägt unterdessen eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof, weil die Bevölkerung im Falle eines atomaren Unfalls von den Behörden nicht ausreichend über Schutzmaßnahmen informiert würde. Das Bundesumweltministerium betonte, die Kommission bemängele lediglich formaljuristische Mängel bei der Umsetzung der Euratom-Richtlinie von 1989. Darin ist vorgeschrieben, über welche Maßnahmen die Mitgliedstaaten ihre Bevölkerung bei einem atomaren Unfall zu unterrichten haben. Nach Ansicht der Kommission hat es die Bundesregierung bislang versäumt, diese Richtlinie zufriedenstellend umzusetzen.

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