Castortransport : Die Vielfalt der Protestformen

Anketten, Schottern, Blockieren: Die Castor-Proteste haben eine ganz eigene Vielfalt entwickelt – und die Polizei versucht, die Gleise behutsam zu räumen.

Reimar Paul
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„Zeitrekord eingestellt“, verkündete am Sonntagmittag um halb eins die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Der am Mittwoch in Frankreich gestartete Castor-Transport war da seit mehr als 92 Stunden – und somit schon etwas länger als der Atommüllzug im Vorjahr – unterwegs. Nur im Schritttempo und immer wieder durch Blockaden gestoppt, näherte sich der 600 Meter lange Zug am Sonntagabend Dannenberg. Hier sollen heute die elf Castorbehälter von den Waggons auf Tieflader gehievt werden. Die letzte Etappe führt dann voraussichtlich an diesem Montagmorgen zum 20 Kilometer entfernten Zwischenlager Gorleben.

In der Nacht zum Sonntag hatte die Polizei damit begonnen, eine Gleisblockade bei Harlingen zu beenden, an der sich zeitweise mehr als 4000 Castor-Gegner beteiligten. Sie bescheinigten den Beamten bei der Räumung Zurückhaltung. Erst in der Endphase in den frühen Morgenstunden wandten einige Polizisten schmerzhafte Griffe an, wie Betroffene schilderten. In den Vortagen waren Demonstranten und Beamte mehrfach heftig aneinandergeraten, wobei sich beide Seiten gegenseitig Aggressivität und Gewalt vorwarfen.

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In etwa 200 Meter Entfernung von den blockierten Schienen hatte die Einsatzleitung zahlreiche Polizeifahrzeuge zu einer Art Wagenburg auffahren lassen. Wer die Gleise nicht freiwillig verließ, wurde in dieses Freiluft-Gefängnis gebracht. Mehr als 1000 Menschen befanden sich zeitweise in der so genannten „GeSa“ (Gefangenen-Sammelstelle).

Während die Initiative „Widersetzen“ eine Klage wegen Freiheitsberaubung ankündigte, weil nur ein Bruchteil der Ingewahrsamnahmen richterlich abgesegnet worden sei, erreichten Rechtsanwälte, dass am Sonntagmorgen zunächst minderjährige Castor-Gegner den Fahrzeug-Kessel verlassen durften. Nach weiteren Verhandlungen gab die Polizei am Nachmittag bekannt, dass die „Gesa“ ganz aufgelöst wird.

Ein weiteres Hindernis konnte die Polizei ebenfalls beseitigen. Bei Lüneburg hatten sich sieben Greenpeace-Aktivisten an den Schienen festgemacht. Die Arme der Umweltschützer steckten in einer Vorrichtung unter den Gleisen. „Wir haben die Befestigung etwas perfektioniert“, so Greenpeace-Sprecher Tobias Riedl. Über Stunden bekam die Polizei die Umweltschützer nicht frei. Beamte und Bahntechniker schraubten schließlich Schienen von den Schwellen und trennten mit Schweißbrennern zehn Meter lange Stücke aus dem Metall, von denen sie dann die Blockierer lösten.

Noch mehr Kopfzerbrechen bereitete den Einsatzkräften eine weitere Gleisblockade – nahe Hitzacker schlossen sich drei Bauern und eine Bäuerin an einer Betonpyramide fest, die Unterstützer unbemerkt von den Beamten an die Schienen geschafft hatten. „Diese Pyramide hatten wir noch vom letzten Jahr“, so einer der Landwirte. „Die musste dann ja noch benutzt werden.“ Beim Versuch, die Bauern aus der Pyramide zu lösen, kamen die Beamten bis Sonntagabend noch nicht viel weiter. Im Gegenteil: Die innere Konstruktion der Pyramide hatte sich etwas abgesenkt und verkantet. Dadurch wurde der Arm der Frau eingeklemmt. Die Polizisten versuchten daraufhin, die Pyramide zu stabilisieren, und verfolgten mit Endoskopen, wie es im Inneren aussieht. Die Bauern machten schließlich ein Angebot: Wenn Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) einen Baustopp für Gorleben verfügt, wollen sie ihre Blockade selbst beenden.

Bilder aus dem Wendland. Die Proteste blieben im Vergleich zu anderen Jahren bis zum Sonntagnachmittag relativ friedlich. Es gab insgesamt 150 Verletzte auf beiden Seiten, einige hundert Demonstranten mussten in die „Gefangenensammelstelle“.
Bilder aus dem Wendland. Die Proteste blieben im Vergleich zu anderen Jahren bis zum Sonntagnachmittag relativ friedlich. Es gab...Foto: dapd

An der Verladestation in Dannenberg starteten 150 Radler zu einer Demonstration nach Gorleben. Nebenher trabten vier junge Frauen auf Pferden, die Pferdedecken mit „X“ und Anti-Atom-Zeichen verziert. Wenige Meter weiter begann eine „Stuhlprobe“: Etwa 40 Frauen und einige Männer ließen sich auf mitgebrachten Hockern, Klappstühlen, Kissen und anderen Sitzgelegenheiten nieder. Sie packten Thermoskannen und Kuchen aus und frühstückten. „Später klönen wir und tauschen Koch- und Widerstandsrezepte aus“, sagte eine Demonstrantin. Solche „Stuhlproben“ gibt es seit fünf Jahren an jedem Sonntag in der Castor-Zeit. Die Aktionsidee stammt von den „Grauen Zellen“, einer Initiative bereits ergrauter Protest-Veteranen aus dem Wendland, die sich wegen ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr auf Straßen und Schienen setzen können oder wollen.

Am Sonntagnachmittag, als der Castorzug Lüneburg passiert hatte, begann bei Gorleben eine weitere Sitzblockade. Mehrere hundert Demonstranten hatten sich von ihrem Camp in Gedelitz auf Feld- und Waldwegen zu der Straße durchgeschlagen, auf der die Castoren nach Gorleben rollen sollen. Schnell wuchs die Beteiligung auf 1000 Blockierer an. Die Organisation wirkte professionell. Eine „VolXküche“ gab Suppe und Heißgetränke aus, Dixi-Klos wurden herangeschafft, ein mobiler Disco-Wagen spielte Musik, davor tanzten die Demonstranten. Die Polizei erklärte die Aktion mit Verweis auf das geltende Demonstrationsverbot zunächst für illegal, zog sich dann aber zurück.

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