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Castortransport : Polizei setzt Reizgas und Schlagstöcke ein

Tausende Anti-Atomkraft-Aktivisten versuchen, die Castoren zu blockieren. Räumfahrzeuge werden angegriffen, die Gleise geschottert. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Wasserwerfer und Reizgas ein.

Massive Zusammenstöße bei Castor-Protesten im Wendland: Noch vor der Ankunft des Castor-Transports mit hochradioaktivem Atommüll in der Region um das Zwischenlager Gorleben ist es am Sonntag zu massiven Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Die Beamten setzten nach eigenen Angaben Wasserwerfer, Schlagstöcke und Reizgas gegen Aktivisten ein, die westlich von Dannenberg eine Bahnstrecke unterhöhlen wollten. Der Castor-Zug näherte sich derweil Lüneburg.

Das Kampagnen-Bündnis „Castor Schottern“ berichtete, hunderte ihrer Aktivisten hätten an mehreren Stellen westlich von Leitstade bei Dannenberg die Gleise erreicht. Die Polizei sei mit „großer Brutalität“ vorgegangen und habe sie in den Wald zurückgedrängt. Zahlreiche Menschen seien durch Einsatz von Reizgas verletzt worden. Beamte schössen teilweise ungezielt Gasgranaten zwischen die Bäume. „Der Wald ist voller Tränengas“, teilte Sprecher Mischa Aschmoneit mit.

Historie der Anti-Atom-Bewegung
Die Anti-Atombewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Abschaltung der Meiler. Ein Blick zurück auf eine soziale Bewegung.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa
18.09.2010 08:23Die Anti-Atombewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Abschaltung der Meiler. Ein Blick zurück auf eine soziale Bewegung.

Nach Polizeiangaben waren Beamte von den Castor-Gegnern mit Signalmunition und Knallkörpern angegriffen worden. Es gebe immer wieder Zusammenstöße mit Demonstranten, die versuchten, auf die Gleise zu gelangen, sagte ein Polizeisprecher.

Nach Angaben der Organisation „Widersetzen“ blockierten zudem mehrere hunderte Aktivisten in der Nähe bei Hitzacker die Bahnstrecke. Bei der Aktion sei die Polizei „unverhältnismäßig grob“ gegen die Demonstranten vorgegangen, sagte deren Sprecher Hauke Nissen. Ein Demonstrant sei beim Einsatz einer Reiterstaffel durch einen Huftritt verletzt worden, ein anderer durch versprühtes Reizgas.
Die eingleisige Bahnstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg ist der letzte Streckenabschnitt, den die Castoren per Zug zurücklegen. In Dannenberg werden die Behälter auf Lastwagen verladen und weiter auf der Straße in das rund 20 Kilometer entfernte Atommüllzwischenlager Gorleben gebracht. Dort sollen sie am Montag eintreffen. Atomkraftgegner kündigten weitere Proteste sowie Stör- und Blockadeaktionen an; die Polizei ist in der Gegend mit tausenden Beamten im Einsatz.

Etwa 1500 Atomkraftgegner blockierten am Sonntag auch die Straße unmittelbar am Zwischenlager in Gorleben. Laut Polizei ging es dabei friedlich zu. „Ich will zumindest symbolisch versuchen zu verhindern, dass die Castoren hier ankommen“, sagte die 59-jährige Susan H, die an dem Sitzstreik teilnahm.

Nach Angaben der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg waren insgesamt rund 5000 Menschen in der Region zu den verschiedenen Protest- und Blockadeaktionen unterwegs. Die Polizei zeige entlang der Strecke „massive Präsenz“, auch ein Pionierpanzer der Bundeswehr sei gesichtet worden. Ein Sprecher der Beamten widersprach dem. Die Polizei habe ihre eigenen Räumfahrzeuge für Blockaden.

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte der Castor-Zug am Mittag Hannover verlassen und näherte sich Lüneburg. Am frühen Nachmittag wurde er allerdings durch eine neue Gleisblockade bei Celle ein weiteres Mal aufgehalten.

In der Nacht zum Sonntag war der Zug mit elf Behältern voller Rückstände aus der Wiederaufarbeitung deutscher Reaktor-Brennstäbe in Frankreich durch Hessen und Niedersachsen gefahren. Er hatte am Samstag die deutsch-französische Grenze bei Kehl (Baden-Württemberg) überquert. Bei Dannenberg hatten sich am Samstag mehrere zehntausende Castor-Gegner zum bislang größten Protestzug gegen einen Atommülltransport in der Region versammelt. Die Organisatoren der Demonstration sprachen von mehr als 50.000 Teilnehmern, die Polizei von bis zu 25.000. (AFP)

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