• CDU/CSU starten gemeinsamen Wahlkampf: Merkel sieht USA nicht mehr als verlässlichen Partner

CDU/CSU starten gemeinsamen Wahlkampf : Merkel sieht USA nicht mehr als verlässlichen Partner

Angela Merkel und Horst Seehofer inszenieren endlich ihren Frieden und starten in den gemeinsamen Wahlkampf – nicht wirklich gegen USA und SPD, sondern auch ein bisschen mit ihnen.

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Diese Bilder immer! Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) sitzen bei der Truderinger Festwoche in München beim Wahlkampf in einem Bierzelt. - Folge 1 Foto: Sven Hoppe/dpa
Diese Bilder immer! Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) sitzen bei der Truderinger Festwoche in München beim Wahlkampf in...Foto: Sven Hoppe/dpa

Eigentlich, hat Horst Seehofer Anfang der letzten Woche verkündet, eigentlich also will er sich gar nicht mehr direkt neben Angela Merkel zeigen. Wegen der Bilder. Weil, es lasse sich ja gar nicht vermeiden, dass unter den vielen Schnappschüssen, die bei Gelegenheit solcher unionsinterner Gipfeltreffen gefertigt werden, auf mindestens einem die CDU-Chefin ein angespanntes Gesicht zeige oder er selbst oder sie beide.

Aber wie das so ist mit den Vorsätzen beim CSU-Vorsitzenden – am Sonntag sitzt er ihr doch wieder gegenüber. Und soll Recht behalten: Ein Bild mit verrutschtem Mienenspiel entsteht.

Nun muss man fairerweise dazusagen, dass die sonstigen Fotos aus dem Bierzelt auf der Truderinger Festwoche ein zugewandtes, ja freundlich lächelndes Duo zeigen – womit der Auftritt also seinen Zweck erfüllt:

Geht doch: Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) sitzen bei der Truderinger Festwoche in München beim Wahlkampf in einem Bierzelt. - Folge 2 Foto: Michaela Rehle/rtr
Geht doch: Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) sitzen bei der Truderinger Festwoche in München beim Wahlkampf in einem...Foto: Michaela Rehle/rtr

Die CDU-Chefin ist bei dem Frühlingsfest in dem Münchner Vorort schon früher zu Gast gewesen. Diesmal hat ihr Auftritt demonstrativen Charakter, weshalb er auch umgehend nachgeholt wurde, als Merkel und Seehofer den ursprünglichen Termin am Dienstag aus Pietät für die Opfer des Anschlags von Manchester kurzfristig absagten.

Denn der Bierzelt-Gipfel soll die mittlerweile legendäre Pressekonferenz beim „Versöhnungsgipfel“ von CDU und CSU im Februar in München vergessen machen. Damals bot Merkel den Kameras von Anfang bis Ende einen derart finsteren Anblick, dass die Versöhnung optisch missriet. Nun also: Bierzelt, Bierhumpen, Beifall, Blasmusik und ein CSU-Chef, der die Kanzlerin in höchsten Tönen lobt: Noch nie sei es Deutschland so gut gegangen wie unter ihrer bald zwölfjährigen Regentschaft.

„Willkommen im Paradies“ begrüßt sie Vize-Generalsekretär Markus Blume, der hier den Wahlkreis hat. Gemessen an dem, was sie in den Tagen davor erlebt hat, muss Merkel der Bajuwaren-Rummel wirklich paradiesisch vorkommen. Und gemessen an dem Mann, mit dem sie sich beim Nato-Gipfel in Brüssel und beim G7-Gipfel in Taormina herumschlagen musste, ist der gelegentliche Problembär aus München ein Haustier.

„Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“

Auf Sizilien hat sie sich noch relativ zurückgehalten mit Kommentaren zu Donald Trumps Verweigerungsstrategien in Sachen Bündnistreue, Welthandel und Klimapolitik. Jetzt wird Merkel deutlich, auch wenn der Name des US-Präsidenten nicht fällt. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“, ruft sie. „Das habe ich in den letzten Tagen erlebt.“ Natürlich bleibe es bei „Freundschaft“ zu den USA und Großbritannien; auch müsse man sich bemühen um gute Nachbarschaft mit anderen, „wo immer das geht, auch mit Russland“. Doch klar sei jetzt: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen.“

Ob die mehr als 2000 Bierzelt-Gäste merken, dass sie gerade einen Paradigmenwechsel erleben? Selbst die amtlichen Twitterer von der CSU, die sich gerne mit dem Label #klartext schmücken, zwitschern bloß von „löwenstarken Reden“. Dass die Kanzlerin den bisherigen Premium-Partner USA zum Drittland auf einer Stufe mit den Brexit-Briten erklärt, verpassen sie.

Dass die CDU-Chefin damit ihren Tonfall für den gemeinsamen Wahlkampf setzt, verpassen sie auch. „Wir müssen wissen, wir müssen selber für unser Schicksal kämpfen“, ruft Merkel. Drei Mal darf man raten, wer das wohl an vorderster Front zu erledigen gedenkt, gemeinsam – das betont sie extra – mit dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Die Frau auf der Tribüne muss gar nicht extra „ich“ sagen. Als sie sich vor Monaten entschied, erneut als Spitzenkandidatin anzutreten, herrschten auch im eigenen Lager Zweifel, ob sie eine vierte Amtszeit rechtfertigen kann. Trump liefert ihr die Begründung frei Haus: „Keine Experimente!“

Bei der SPD knirschen sie wahrscheinlich mit den Zähnen, zumal Merkel ihrem Martin Schulz vorher noch ein Ei ins Nest gelegt hatte: Genau wie der Herausforderer plädiert in ihrer wöchentlichen Video-Botschaft plötzlich auch die Kanzlerin dafür, zwecks besserer Finanzierung der Schulen das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern abzuändern. Die Konkurrenz lahm- und selbst die Rüstung anlegen – Seehofer jedenfalls hat verstanden, was da passiert. Am Ende steht er neben Merkel auf der Bühne.

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